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Wissenschaftler-Tracking

Wissenschaftler:innen nutzen digitale Tools zur Ermöglichung und Erleichterung ihrer Arbeit in Forschung, Lehre und Kommunikation. Die vernetzten Technologien erweisen sich dabei zunehmend auch als Medien einer umfassenden Überwachung, Kontrolle und Verwertung. Bedrohen sie die Freiheit der Wissenschaft?

Das Jahrbuch Technikphilosophie nimmt Impulse einer laufenden Debatte auf und erkundet das Terrain mit Erfahrungsberichten, Recherchen und Reflexionen zum Thema: Haben auch Sie Beobachtungen, Erfahrungen, Überlegungen zu dem Thema, die Sie mit uns und unseren Leser:innen teilen möchten? Geeignete Einsendungen veröffentlichen wir gern auf dieser Seite.

Das Bild kann als Karte genutzt werden, um zu Beiträgen über verschiedene Aspekte des Themas zu navigieren. Illustration: Matthias Seifert

Inhaltsverzeichnis

Alexander Friedrich: „Thank you for participation” – Über ’scholar crawling‘
Oder: Wie ich von Datenhändlern zu einem Mikrobiologen gemacht wurde

Petra Gehring: Die Pflicht zur “ID” – warum und für wen eigentlich Autorschafts-Identifizierung? Das globale Publikations-Rückverfolgbarkeitsinstrument ORCID

Andreas Kaminski, Alexander Friedrich: Kommunikation mit Literaturverwaltungsdatenbanken. Ein kontrafaktischer Erfahrungsbericht

Dawid Kasprowicz: Wertschöpfung Bottom-up: Über szientometrische Verlagstools im Forschungsmanagement

„Thank you for participation” – Über ’scholar crawling‘

Oder: Wie ich von Datenhändlern zu einem Mikrobiologen gemacht wurde

Alexander Friedrich

Illustration: Matthias Seifert

Obwohl ich niemals eine biologische oder eine medizinische Ausbildung durchlief – und dies auch nie behauptet oder suggeriert habe – erhalte ich seit bald einem Jahr regelmäßig Anfragen für die wissenschaftliche Begutachtung von Fachartikeln zu mikrobiologischen und biomedizinischen Themen. Forschungsarbeiten und Manuskripte, deren wissenschaftliche Qualität ich einschätzen soll, lauten etwa:  

  • “Urine Culture in Hospitalized Patients during 2014-2018: An Analysis on Pathogen Distribution and Drug Sensitivity“ 
  • „Analysis of blood stream infections and their antibiotic sensitivity pattern: pre and post COVID-19 lockdown in an Indian cancer care hospital – A record based retrospective cohort study.“
  • „Resistance of Staphylococcus aureus in the Mechanical Ventilator: A Cross-Sectional Study“
  • “Use of metagenomics whole-genome sequencing (WGS) in the typing and epidemiologic surveillance of respiratory pathogens”

…um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Begonnen hatte es mit dieser Mail, die mich Anfang Februar 2021 erreichte: 

Dear Dr. Friedrich,

A manuscript titled “Nasal Carriage of Methicillin Resistant Staphylococcus aureus Among Healthcare Workers in a [specific] Hospital“ by [author name et al.], has been submitted to our journal for consideration.

As the Academic Editor handling the manuscript, I would be delighted if you would agree to review it and let me know whether you feel it is suitable for publication.

DECLINE: click

AGREE: click

The manuscript’s abstract and author information is below to help you decide. Once you have agreed to review, you will be able to download the full article PDF.

Reviewers are expected to return their report within 14 days of agreeing to review, however if you need more time please do let us know as we may be able to arrange an alternative deadline.

To ensure we keep delays to a minimum please accept or decline this invitation within the next 7 days.

If a potential conflict of interest exists between yourself and either the authors or the subject of the manuscript, please decline to handle the manuscript. If a conflict becomes apparent during the review process, please let me know at the earliest possible opportunity. 

Kind regards,

[Signatur]

This email was sent to [meine Email-Adresse]. You have received this email in regards to the account creation, submission, or peer review process of a submitted paper, published by [publisher name].

[Publisher] respects your right to privacy. Please see our privacy policy [Link] for information on how we store, process, and safeguard your data.

Erst hielt ich die Email für Spam; dann für eine Verwechslung. Die Redaktion des Journals hielt mich offenbar für einen Experten in Sachen Staphylococcus aureus – ein sich gern in Traubenform anordnender Saprobiont und Kommensale, wie ich nach kurzer Internetrecherche herausfand. Jeden Monat, ja wöchentlich erhalte ich nun ständig solche und ähnliche Anfragen. Seither beschäftigen mich zwei Fragen:

1. Wie konnte es dazu kommen?

2. Was kann ich dagegen tun?

Inzwischen interessiert mich noch eine dritte Frage:

3. Welche daten- und wissenschaftspolitischen Implikationen hat diese Geschichte?

Eine Antwort auf die erste Frage hatte ich schnell gefunden, zumindest vermutet. Ich hatte zwei Jahre vorher einen Artikel über ethische Probleme einer möglichen künftigen Zweitverwertung kryokonservierter Eizellen als Ressourcen für die biomedizinische Forschung in der Zeitschrift New Genetics and Society veröffentlicht. Das Journal beschäftigt sich mit den sozialen Implikationen der Biomedizin und Biotechnik und gehört zu der Verlagsgruppe Taylor & Francis, die ihrerseits (wie etwa auch der Routledge Verlag) im Besitz der börsennotierten Informa Gruppe ist, die mit Fachliteratur, Konferenzen – und Daten handelt. Die Einreichung, Begutachtung sowie die redaktionelle Betreuung meines bei dem Journal eingereichten Manuskripts wurde über Manuscript CentralTM abgewickelt, einem „online system used by journal editorial offices to manage the submission and peer review of articles. It is a product of the ScholarOne® platform of Thomson Reuters“[1] wie es dort zur Erklärung heißt. Im Laufe des Einreichungsprozederes hat man da allerhand Häkchen zu setzen und Kästchen zu klicken; unter anderem ist eines dabei, das danach fragt, ob man auch bereit wäre, andere Fachpublikationen zum eingereichten Thema zu begutachten. Da muss ich wohl unvorsichtiger Weise einen Haken gemacht oder stehen gelassen haben. 

Nun handelt es sich bei den Manuskripten aber gar nicht um ein sozialwissen­schaftliche, sondern um mikrobiologische Arbeiten und das anfragende Journal gehört nicht zu Taylor & Francis. Daher nahm ich zunächst an, die Herausgeber:innen sind bei ihrer Suche nach potentiellen Gutachtern irrtümlicher und zufälliger Weise an mich geraten. Wobei ich mich schon etwas wundern musste, wie man auch bei nur oberflächlicher Recherche mich für einen Mikrobiologen halten kann. Aber da ich selbst als Herausgeber tätig bin und weiß, wie mühsam diese Suche nach Gutacher:innen ist, wollte ich die anfragende Redaktion aus Solidarität nicht in der Luft hängen lassen und schrieb eine kurze Antwortmail, dass es sich hier wohl um ein Missverständnis handele. Da ich ja gar kein Biologe bin, sollte ich für eine Anfrage gar nicht in Frage kommen. Eine andere als die ursprünglich anfragende Person bedankte sich dann kurz und knapp für meinen Hinweis. Damit hielt ich die Sache für erledigt: „Thank you for letting us know. We are sorry for the inconvenience.“ 

So ziemlich eine Woche danach, erreichte mich dann eine nächste Anfrage: 

„Dear Dr. Friedrich:

Manuscript [ID number] entitled „The microbiological profile of the patients with Fournier’s gangrene: a retrospective multi-institutional cohort study” has been submitted to the International [journal].

May I ask you to evaluate the enclosed manuscript and to inform us whether it is suitable for publication.

Please, find enclosed the manuscript.“

Es folgte auch hier wieder die Aufforderung, die Anfrage via Klick entweder anzunehmen oder abzulehnen. Zudem wurde ich darauf hingewiesen, dass hierfür automatisch ein Account in einem „online manuscript submission and review system“ angelegt wird. Dabei handelte es sich um die mir schon bekannte ScholarOne® Plattform, über die das ganze Kommunikations- und Begutachtungsgeschehen abgewickelt wird. Egal also, ob man die Anfrage annimmt oder ablehnt, man wird in jedem Fall in der Datenbank registriert, wie einem spätestens nach dem Klick auf den Antwort-Link deutlich wird: 

„Welcome to the [Journal Name] ScholarOne Manuscripts site for online manuscript submission and review. Your name has been added to our reviewer database in the hopes that you will be available to review manuscripts for the Journal which fall within your area of expertise.

[…]

Thank you for your participation.“

Da man zudem gleich aufgefordert wird, eine ORCID iD (siehe dazu den Beitrag von Petra Gehring) anzulegen, sofern noch nicht vorhanden, verlor ich jegliche Lust auf „participation“ und schrieb immerhin noch eine Ablehnungsmail: 

„Dear [editor], 

My expertise is in the field of philosophy; I cannot review a paper in the field of microbiology.“ 

Auf diese Mail bekam ich schon keine Antwort mehr. Ich hoffte aber immerhin, dass mich die Herausgeber:innen nun wegen Inkompetenz und Unhöflichkeit von ihrer Liste für potentielle Gutachter streichen würden. 

Allerdings erreicht mich, wieder eine Woche später, eine dritte Anfrage zur „Mikrokalkulation von Diagnostika in der Onkologie“ – auch wieder von einem Taylor & Francis Journal, abermals verbunden mit einer Einladung zu ScholarOne®. Während ich anfangs ja noch vermutet hatte, dass diese Anfragen auf den Irrtum oder das Missgeschick verzweifelter Herausgeber:innen zurückzuführen wären, schwante mir nun, dass vielleicht niemals ein Mensch an meiner Auswahl beteiligt war, sondern dass ich wohl das Opfer einer verhängnisvollen Datenbankverknüpfung geworden bin. Irgendwie habe ich mir (bzw. meine Autoren-ID sich) durch meine Publikation eine „Mikrobiologie und Bioökonomie“-Kennzeichnung eingefangen, die nun dazu führt, dass ich ständig entsprechende Anfragen erhalte. 

Diese Schlussfolgerung entmutigte mich: Meine beiden Ablehnungsmails wären dann nichts weiter als bloße Symptombekämpfungen. Die Strategie, Absagen per Mail zu verschicken, würde nur auf eine unendliche Reihe bestimmter Negationen hinauslaufen, die nichts weiter zum Resultat haben würden als eine sinnlose Verschwendung von Lebenszeit auf beiden Seiten der Kommunikationsbeziehung. 

Die einzig erfolgsversprechende Strategie, diesem Unwesen ein Ende zu setzen wäre dann, die mutmaßlich ursächliche Fehlverknüpfung in der fraglichen Datenbank zu identifizieren und zu tilgen, aus der die Journals ihre Listen für potentielle Gutachter:innen generierten. Zu recherchieren, wo sich diese Datenbank befindet, und wer hier die erforderlichen Schreibrechte hat und herauszufinden, was nötig war, um eine entsprechende Tilgung zu veranlassen, schien mir aber ein ungebührlicher Aufwand zu sein – für den ich jedenfalls keine Lebenszeit übrighatte. Also nehme ich fortan solche Anfragen seufzend hin und ignoriere sie. 

Anfänglich hoffte ich noch, durch konsequentes Nicht-Reagieren irgendwann als „notorisch ignorant“ markiert und somit nicht mehr angeschrieben zu werden. Aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. 

Meine zweite Frage: „Was kann ich dagegen tun?“ habe ich mir also nur abstrakt beantworten können: „persönlich gar nichts oder nur so viel, dass die zu erwartenden Kosten den Ertrag übersteigen“. – Mit dieser entmutigenden Einsicht wende ich mich nun der dritten Frage zu: „Welche daten- und wissenschaftspolitischen Implikationen hat diese Geschichte?“

Den ersten Hinweis auf eine mögliche Beantwortung dieser Frage finde ich in der ersten Mail – an deren Ende sich, im Kleingedruckten, ein Link zu der „privacy policy“ des fraglichen Publishers findet. Ich klicke auf den Link und gelange zu einem Text, der folgendermaßen beginnt:

„Information We Collect

When you interact with us or our Sites, Wiley may collect personal data about you in the following ways: directly from you; through automated technologies such as cookies; and from other sources, such as our business partners and data processors.”  

In dem darauffolgenden Abschnitt „Information collected through automated technologies“ werde ich darüber aufgeklärt, dass während des Besuchs der Seite, die auf diese Policy verlinkt, Daten über mich gesammelt werden, die u.a. umfassen: 

„Internet Protocol (IP) address, browser type and settings, device identifier details, internet service provider (ISP), referring and exit pages, the Site content you interacted with, operating system, clickstream data, location data, or other usage information. We (and third parties acting on our behalf) may collect this information through certain tracking technologies, including cookies, web beacons (also known as tracking pixels or pixel tags), embedded scripts, location-identifying technologies, device recognition technologies, and session replay software. We may combine the information collected through these technologies with other information we collect about you.“ 

Außerdem wird mir beiläufig erklärt, dass man meinen Wunsch, nicht getrackt zu werden, einfach ignoriert und ich deutlich aktiver werden müsse, wenn es mir mit meinem Wunsch ernst ist: „While we do not currently respond to ‚do not track‘ browser signals, you have several options to exercise choices about cookies and tracking technologies.“ 

Es folgt ein Abschnitt über „information we receive from other sources“, in dem mir erklärt wird, dass Wiley sich auch anderweitig Informationen über mich beschafft, und zwar von: 

„business partners and data processors in technical, payment and/or delivery services; advertising, marketing, digital and social media agencies; data brokers; analytics providers; academic institutions; journal owners, societies and similar organizations; search information providers; third parties who may recommend you as a potential author, reviewer, editor or contributor; and credit reference agencies.“ 

Zwischen Suchmaschinenbetreibern und Kreditauskunfteien finde ich also eine Bestätigung meiner Hypothese, zumindest ein bekräftigendes Indiz. Das erste Journal, von dem ich eine solche Anfrage erhalten habe, hat wohl vermutlich eine solche Empfehlung eingeholt und die Quelle dieser Empfehlung könnte die ScholarOne Datenbank gewesen sein, in der ich schon als Autor (und vielleicht als potentieller Gutachter) registriert war. 

In der „privacy note“ von ScholarOne, die ich nun auch noch einmal nachlese, finde ich die folgenden Sätze: „Your personal data in ScholarOne will be accessed by:

– The publishers that are the ‘controllers’ of your personal data and who may disclose your data to other organizations and individuals.

– Your data may be transferred to a third party as a result of any merger, acquisition, or similar corporate event involving Clarivate.

Clarivate Analytics, das 2016 aus der Intellectual Property and Science Business Abteilung von Thomson Reuters hervorgegangen ist und inzwischen auch das Web of Science, Publons und EndNote besitzt, beschreibt sich selbst als „a global leader in providing trusted insights and analytics to accelerate the pace of innovation.“[2]

Weiterhin heißt es in der „Privacy Note“ von ScholarOne:

„Wiley may also receive information about you from publicly accessible content, such as public databases or social media platforms. When we do collect publicly available data about you, we will honor this Privacy Policy when we store and process it. If you choose to register and sign in by using a social media or other third-party account as an identity service (such as your Facebook or Google account), the authentication of your account is managed by that third party. Wiley will collect your name, email address and any other information that you agree to share with us at the time you give permission for your Wiley account to be linked to your third-party account.“ 

Clarivate, das – wie ich nun auch herausfinde – inzwischen eine strategische Partnerschaft mit Wiley und Francis & Taylor eingegangen ist, stellt sich somit als das verbindende Glied zwischen all den verschiedenen Anfragen heraus. 

So heißt es denn auch unter Punkt „your rights and choices: 

You should first contact each publisher with questions or requests about their use of your data, for example to request access to the data that they hold about you, or request that it be corrected or erased. However, you may also contact Clarivate with data privacy questions, in particular those that concern the role the ScholarOne solution performs in processing your personal data. You can contact us at: Mail to.“ 

Die Indizien, die ich zur Beantwortung meiner dritten Frage gefunden habe, werfen nun ein neues Licht auf meine entmutigenden Schlussfolgerungen zur Beantwortung der zweiten. Jede Anfrage, die – wie irrtümlich auch immer – aus dem System generiert wird, ist immer auch ein Akt der Datenakquise. Die Emails mit den Links zur Annahme oder Ablehnung sind so etwas wie Crawler einer Suchmaschine. Scholar Crawler – wenn man so möchte: unermüdliche Sonden oder Fallen für das Ziel eines möglichst umfassenden Wissenschaftler:innen-Trackings. Jede Interaktion produziert Informationen, die dafür verwendet werden, nicht nur die erfassten IDs einzelner scholars mit immer mehr personenbezogenen Daten anzureichern, die dann entsprechend ausgewertet und gehandelt werden. Auch Informationen zur Verknüpfung dieser Informationen werden gesammelt: Wer arbeitet mit wem zu welchem Thema zusammen, mit welchem Ergebnis? Auch jede Ablehnung von Interaktion ist eine interessante Information, die sich auswerten lässt, insbesondere wenn sie per Klick ausgeführt wird und auf diese Weise die scholars in den Kaninchenbau der Manuskriptmanagementsysteme lockt. Entziehen kann man sich dem System, das die bestimmte Negation zu einem positiven Datum macht, nur wenn man Glück hat – oder enorme Sicherheitsvorkehrungen trifft, die nicht ihrerseits Informationen produzieren. 

Problematisch daran kann man Vieles finden. Mögliche Probleme hier reichen von „Privatsphäre“ bis „Industriespionage“. Ich möchte abschließend aber noch einem anderen Gedanken nachgehen, der sich mit meiner dritten Frage verbindet: Was, wenn ich den Fehler der Datenbank systematisch affirmieren würde? 

Den Herausgebern der verschiedenen wissenschaftlichen Journale gelte ich ja als Experte für Mikrobiologie, sowie deren medizinische und ökonomische Anwendungen. Was, wenn ich einfach einmal auf „akzeptieren“ klicke? Dann bekomme ich vollautomatisch den Artikel zur Begutachtung. Und dann würde ich ein bisschen darin herumblättern, wenig davon verstehen und dann schriebe ich ein Gutachten. Ich würde ein paar ähnliche Publikationen googeln, mir ein paar Textbausteine daraus kopieren, diese mit einigen launischen Kommentaren vermischen und eine völlige arbiträre Bewertung mit einer abwegigen Begründung schreiben. Nicht selten hat man ja selbst schon Gutachten vorgelegt bekommen, die auf genau die gleiche Art zustande gekommen zu sein scheinen: Gutachten, bei denen man den Eindruck einfach nicht haben konnte, dass die Gutachter:in den Text tatsächlich gelesen oder verstanden hat. Warum das also nicht selber einmal probieren, zumal in einem fremden Fachgebiet, in dem ich de jure und de facto ohnehin keine Expertise – also auch keine Reputation zu verlieren habe? Damit es für die beteiligten Autor:innen und Herausgeber:innen nicht zu ärgerlich wird, werde ich erst ein bisschen herumnörgeln, dann aber doch die meisten Paper für eine Publikation empfehlen. Oder ich lobpreise ganz überschwänglich die Genialität der darin niedergelegten Einsichten. Ab und zu lehne ich dann ein Paper harsch ab, um weniger vorhersehbar zu sein. Wenn ich genügend solcher „Gutachten“ geschrieben habe, werde ich quasi vollautomatisch eine solide Reputation als verlässlicher Reviewer für mikrobiologische Forschungsarbeiten erworben haben, die zwar immer noch nicht reichen würde, um selber eine Fachpublikation zu veröffentlichen. Aber ich werde auf diese Art einen gewissen Einfluss auf die fachwissenschaftliche Öffentlichkeit nehmen können, indem ich die Publikationsprozesse und damit die mikrobiologische Wissensproduktion subtil manipuliere. 

Nachdem ich meiner Phantasie gestattet habe, in eine etwas abwegige Richtung zu denken, möchte ich mich näher liegenden Möglichkeiten zuwenden: Was, wenn solche Anfragen auch aus der empirischen Sozialforschung oder der Politikwissenschaft an mich herangetragen würden – was aufgrund meines mutmaßlichen Datenbankprofils durchaus auch möglich sein könnte? Hier könnte ich deutlich besser noch den Eindruck von Kompetenz erwecken und die Affordanz des Systemfehlers für meine persönlichen Idiosynkrasien ausbeuten, indem ich etwa Publikationsvorhaben eines mir missliebigen Forschungsgebiets sabotiere. Die Möglichkeiten einer systematischen Strategie für Wissenschafts-Sabotage hätte ich dadurch allein noch nicht, aber ich könnte immerhin mit dem arbeiten, was mir angeboten wird. Von diesem Gedanken aus ist es dann auch nicht mehr weit bis zu der Frage: Was, wenn nicht nur ich so handelte? Ich bin ja sicherlich nicht das einzige „Opfer“ einer solchen Datenbank-Fehlverknüpfung. Wie verhalten sich denn betroffene Kolleg:innen in ähnlichen Fällen? Das Problem missgünstiger Kolleg:innen, die die Publikation ihrer Arbeiten gegenseitig verhindern, einmal beiseite gelassen: Wer oder was sichert denn überhaupt die Expertise von Gutachter:innen unter den Bedingungen ihrer automatisierten Auswahl? Das Begutachtungs(un)wesen gedeiht ja zu Wohl und Wehe der Wissenschaft. Man hört Kolleg:innen klagen, man komme vor lauter Gutachten gar nicht mehr zum Arbeiten. Man glaubt es ihnen, wenn man weiß, wovon sie reden. Man hört Herausgeber:innen seufzen, dass sie keine Gutachter:innen mehr finden, weil gefragte Expertinn:en längst erschöpft abwinken und verbleibende Kapazitäten immer schwieriger aufzutreiben sind. Eine Konsequenz der Ökonomie des Mangels ist, dass man nehmen muss, was man haben kann; und je weniger hochqualifizierte Expert:innen zur Begutachtung zur Verfügung stehen, desto häufiger wird man sich zur Not mit mittelmäßigen Expert:innen begnügen – im schlimmsten Fall mit Gutachter:innen, die deutlich weniger Expertise haben als die Autoren, deren Texte sie beurteilen sollen. Und die sie vielleicht umso lustvoller kritisieren, je weniger Anerkennung und Wertschätzung sie in ihrem Berufsfeld für sich selbst sehen. Man kann sich ausmalen, welche sozialpsychologische Dynamik sich hier entwickelt mag und ich will es bei dieser „science fiction“ eines von stümpernden Gutachter:innen getragenen, halbautomatischen Begutachtungswesens belassen, die die wissenschaftliche (Nicht)Öffentlichkeit in Zukunft heimsuchen könnte – um zu bedenken zu geben, dass dies auch eine Konsequenz sein könnte, die wir beim Nachdenken über die Probleme mit in Betracht ziehen sollten, die aus der prosperierenden Praxis des Wissenschaftler:innentrackings erwachsen könnten. 


[1] Vgl. https://tandf.co.uk//journals/pdf/Author/About_Manuscript_Central.pdf. Inzwischen gehört die Platform dem Unternehmen Clarivate Analytics. 

[2] Vgl. https://clarivate.com/about-us/.

Die Pflicht zur “ID” – warum und für wen eigentlich Autorschafts-Identifizierung?

Das globale Publikations-Rückverfolgbarkeitsinstrument ORCID

Petra Gehring

Ilustration: Matthias Seifert

Vor einigen Jahren erreichte mich erstmals eine PDF-Korrekturfahne, die nicht nur – wie inzwischen leider üblich – den Verlagsvertrag (erst) im letzten Moment als Bestandteil der Korrekturfahne enthielt, sondern neben Adresse und elektronischer Erreichbarkeit auch die Eingabe meiner ORCID-Nummer forderte. Es handelte sich um ein Pflichtfeld, versehen mit dem freundlichen Kommentar: Habe man noch keine ORCID-Nummer? Das sei kein Problem, der Verlag werde dann automatisch eine besorgen. Ein Feld, dem zuzustimmen (bzw. den Verlag zur Beantragung einer solchen Nummer zu autorisieren), sah das Fahnen-Formular nicht vor.

Wissenschaft lebt von Publikationen (nämlich Forschungsergebnissen), die andere lesen und zitieren. Hierfür ist der Autorenname üblicherweise zu nennen. Gleichwohl lassen sich auch anonyme, pseudonyme oder durch Institutionen publizierte Dokumente problemlos wissenschaftlich nutzen und auch korrekt nachweisen. Der TEXT muss identifizierbar sein. Autoren-Identitäten sind arbiträr. Diese zu kennen, dient auch nicht der Qualitätssicherung, die in der Wissenschaft ja der einzelnen Leistung gilt. Hier zählen die Korrektheit aller Belege, redaktionelle oder andere Filter- und Begutachtungssysteme sowie über viele weitere Selektions- und Individualisierungsmechanismen eines Publikats bzw. einer Forschungsleistung laufen.

Warum also ist nun eine ORCID-Nummer nötig? Das Akronym steht für “Open Researcher and Contributor ID”. Die Nachfrage bei einem befreundeten Bibliothekar ergibt, Bibliotheksinformationssysteme seien unter anderem an der sogenannten „Disambiguierung“ von Eigennamen interessiert. Zehn Petra Müllers will man unterscheiden können. Ganz stimmig finde ich diese Auskunft nicht, da die Findbarkeit von Medien nicht davon abhängt und Kataloge keine Biografien sein müssen. Und in einer Bibliothek mit Regensburger Aufstellung stünden die Bücher der zehn Petra Müllers – gleiches Fachgebiet vorausgesetzt – im Regal ggf. dennoch wieder nebeneinander. Tatsächlich, räumt mein Gesprächspartner ein, habe es schon etwas mit dem weltweiten Datenabgleich zu tun. Für mich nehme ich mit: Es geht nicht nur um die Personenzuordnung von Publikationen, sondern auch darum, um Nachfragezahlen (Anschaffungen, Klicks, Downloads) und damit wissenschaftliche Reputation, die „Relevanz“ von Autoren generell – und auch konkret: von noch lebenden, schreibenden Wissenschaftler*innen zu messen.

Was also ist ORCID? Kein rein kommerzielles Unternehmen, aber auch keine öffentliche Institution. Vielmehr ein Intermediär, der sich selbst herausgebildet hat:

“ORCID is a non-profit organization supported by a global community of member organizations, including research institutions, publishers, funders, professional associations, service providers, and other stakeholders in the research ecosystem.”[1]

Die ORCID-Webseite präsentiert den Besitz einer eigenen Nummer im Stil Unverwechselbarkeits­versprechens:

„ORCID provides a persistent digital identifier (an ORCID iD) that you own and control, and that distinguishes you from every other researcher.”[2]

Unterscheiden von allen anderen? Eine deutsche Bibliothekswebseite erläutert den Nutzen der Nummer wie folgt:

„Publizierende sind eindeutig identifizierbar und authentifizierbar, trotz möglicher Namensvarianten, Namenswechsel, unterschiedlicher Schreibweisen oder ‚Namensvetterschaft‘ bei häufig vorkommenden Familiennamen. Publikationen sind den Urhebern eindeutig zugeordnet und auffindbar, auch wenn sie nicht in den großen Datenbanken nachgewiesen sind. Bei einem Wechsel der institutionellen Zugehörigkeit oder „Affiliation“ bleibt die individuelle ORCID-ID erhalten und weiter nutzbar. Publikationslisten bei ORCID bleiben stets aktuell, sofern automatische Aktualisierungen im eigenen Profil erlaubt werden.“[3]

Tatsächlich erinnere ich mich an eine seufzende Kollegin: Weil sie nun mal Petra Müller heiße, werde an ihrer Universität der H-Faktor verkehrt errechnet. Das sei ein Wettbewerbsnachteil, auch gegenüber dem Rektorat. Hingegen erinnere ich mich nicht an eine Kollegin, die nach dem Wechsel an eine andere Institution ihre Publikationsliste verloren oder dank ORCID gerettet hätte. Ebenso kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Verlag sich derart rührend um den umzugsübergreifenden Fortbestand von Publikationslisten auf Seiten seiner Autorinnen kümmert, dass er mich deshalb von sich aus bei ORCID anmelden möchte.

Ziemlich klar ist vielmehr: Es geht um automatisierte Zugriffe auf Autor*innen und letztlich den „Menschen“ hinter dem Autor. Man will Maßzahlen zuordnen können. Allem voran das  „Ranking“ von Publikations- und Zitationsvolumina. Unterscheiden von allen anderen – das postuliert also, dass man sich gemessen weiß und dann besser messbar sein will oder muss.

ORCID wird getragen durch Mitgliedsbeiträge, im „Board“ sitzen Vertreter*innen internationaler Forschungseinrichtungen, aber auch eine Vertreterin des Verlages PLOS und eine Vertreterin von Springer Nature. Ein beim Wellcome Trust tätiger Brite ist Direktor des Boards. Aus Deutschland oder Frankreich scheint niemand im Board beteiligt. In Deutschland firmieren die DFG, DLR, FZ Jülich, DNB, viele Universitäten, aber auch die Walter d Gruyter GmbH als Mitwirkende von ORCID.[4]

Wieviel Wirtschaft, wieviel öffentliches Interesse steckt also drin? Wikipedia spricht recht eindeutig von einer „Firmengründung“ im Jahr 2010. „Zu den Gründungsmitgliedern von ORCID gehören wissenschaftliche Verlagsgruppen (beispielsweise ElsevierNature Publishing GroupSpringer) und Forschungsorganisationen (beispielsweise EMBOCERN).“[5]

Zum 1. Januar 2016 hätten mehrere Verlage für wissenschaftliche Publikationen (z. B. Royal SocietyPLOS) eine obligatorische Identifikation per ORCID für die einreichenden Autoren wissenschaftlicher Manuskripte eingeführt.[6]

„ORCID verfolgt das Ziel, seine Identifizierungsnummer im Sinne eines „enter once, reuse often“ (einmal erfassen, vielfach nachnutzen) zum De-facto-Standard für die Autorenidentifikation im Wissenschaftsbetrieb zu machen, das heißt in Publikationen, Forschungsförderprogrammen, Peer Reviews und so weiter.[10] Die Planungen für ORCID wurden 2010 auf Umfragen gestützt.[11] ORCID-iDs sollen die elektronische Zuordnung von Publikationen und anderen Forschungsaktivitäten und -erzeugnissen zu Forschern erleichtern. Dies ist aufgrund der Personennamen alleine nicht sicher möglich, da verschiedene Autoren gleiche Namen haben können, Namen sich ändern können (beispielsweise bei Heirat), und wegen Schreibvarianten (beispielsweise einmal die ausgeschriebenen Vornamen, ein anderes Mal aber nur die Initialen).[12] Zudem erleichtern Identifikatoren die maschinelle Datenverarbeitung.“[7]

Die Deutsche Sub-Struktur von ORCID wird (einschließlich eines „Monitors“, der die Verwendung nachhält[8]) durch die DFG gefördert und über DINI vernetzt. Die Bibliotheken machen dafür unverhohlen Werbung – wiederum mit dem angeblichen Publikationslisten-Vorteil:

„Die ORCID iD (Open Researcher and Contributor iD) ist eine ID für Forschende, die ihnen u. a. die Pflege ihrer Publikationsliste erleichtert. Jede Person, die im wissenschaftlichen Arbeitsprozess einen Beitrag leistet, kann sich über ihre ORCID iD mit ihren Publikationen, Forschungsdaten und anderen Produkten des Forschungsprozesses (z. B. Forschungssoftware) eindeutig vernetzen. Damit werden diese Objekte sichtbar und technisch verlässlich mit ihren Erschafferinnen und Erschaffern verbunden. Die internationale non-profit Organisation ORCID vernetzt weltweit bereits 12,3 Millionen Publizierende mit ihren Aufsätzen, Forschungsdaten und anderen Informationsobjekten über die globaleindeutige und dauerhaft zitierbare ORCID iD. […] Ziel des DFG-Projekts ORCID DE ist es, die Implementierung von ORCID an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen durch einen übergreifenden Ansatz nachhaltig zu unterstützen. Dabei stehen organisatorische, technische und rechtliche Fragen gleichermaßen im Fokus. Neben der Schaffung einer zentralen Anlaufstelle für Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen stehen die Vernetzung und Verbreitung der ORCID iD im Bereich digitaler Informationsinfrastrukturen im Fokus des Vorhabens. Hierzu wird u. a. die Vernetzung mit der Gemeinsamen Normdatei (GND) vorangetrieben. Weiter widmet sich das Projekt den Herausforderungen der Etablierung eines „Organization Identifiers“ für wissenschaftliche Institutionen. Projektpartner von ORCID DE sind DataCite, die Deutsche Nationalbibliothek, das Helmholtz Open Science Office am Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ, die Universitätsbibliothek Bielefeld und die Technische Informationsbibliothek (TIB). Das Projekt wurde durch die Deutsche Initiative für Netzwerkinformation (DINI) initiiert.“[9]

Die gemeinsame Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek scheint mit ORCID verbunden zu sein (oder wird abgeglichen?) und Erweiterung der Autorenerfassung ist geplant:

„Bislang war die GND im Wesentlichen auf eine bibliothekarische Nutzung ausgerichtet. Zukünftig will die GND-Kooperative den Kreis der Nutzer und Nutzerinnen erweitern und sich verschiedenen Anwendern und Anwenderinnen aus Kultur und Wissenschaft öffnen: Auf der Grundlage eines mehrjährigen Entwicklungsprogramms soll ein spartenübergreifendes Produkt entstehen.“[10]

ORCID wirbt mit „Benefits for publishers“[11]. Unter anderem so:

“Improve data collection by easily discovering previously published works, datasets, affiliations and funding received by the researchers your systems interact with. Use them to pre-populate forms, join data with papers, and acknowledge funding, and [i]mprove visibility of your local profile pages by updating ORCID records to point to them.“[12]

“Reward peer reviewers and editors by giving them credit for their efforts by updating their records, [i]dentify reviewers and assign review tasks based on previous contributions and activities, and [a]ssist editors by providing more details about the authors.“[13]

“Reduce administrative burden by automatically updating ORCID records when works are published so they’re discoverable by other systems, including funders, indexers and research organizations“[14]

Ist das noch Bibliometrie oder schon Vermessung bzw. Vermarktung meiner Person? Tatsächlich adressiert ORCID auch die Wissenschaftler*innen mit Self-Tracking-Optionen. „Sign in“ werden mit Google und Facebook angeboten. Mit dem Member oder Premium Member Status kann man sich Ergebnisse zu Datenanalysen liefern lassen, die eigenen Publikationen betreffend. Ebenso gibt es Community Events und andere Angebote.[15]

Getarnt als informationswissenschaftliches Erfordernis stecken also durchaus Profitinteressen hinter der „ID“. Zudem ignoriert man – mit freundlicher Unterstützung von DFG und den Bibliotheken – die DSGVO. Denn ORCID transferiert Daten auf US-Server und ist damit seit dem letzten EuGH-Urteil datenschutzwidrig. Das macht nicht nur den Paternalismus eines Verlags, der mir die Nummer einfach verpassen will, zu einem Grundrechtsverstoß, sondern auch die diversen automatischen Updates (von deren genauem Inhalt man ebenso wenig erfährt wie von der genauen Nutzung und den Nutzern der an ORCID gegebenen Daten).[16]

Was Datenschützer ebenso stören dürfte: Man kann im System die eigenen Informationen zwar verwalten, aber nicht ändern, sondern nur die öffentliche Sichtbarkeit von Angaben unterdrücken, die man für falsch hält oder nicht eingetragen sehen will. Und dort, wo ORCID sich mit anderen Datenbanken abstimmt, geschieht dies nicht auf Basis der sichtbaren, sondern der dahinterliegenden, nach der Eingabe nicht veränderbaren Daten.

Es gibt andere Autorenidentifikationssysteme als ORCID. Etwa AuthorClaim, der Nachfolger eines Ökonomen-Netzwerks, ISNI, ein Unternehmen aus UK, an welchem Bibliotheksvertreter beteiligt sind, und ReseacherID des Datenanalytik-Konzerns Clarivate, der das Web of Science betreibt. Keiner von diesen dürfte als besser oder vertrauenswürdiger gelten. Aber … ist es eine Empfehlung, sich als das kleinste Übel durchgesetzt zu haben? Und ich frage mich nochmals: Wozu – wenn nicht zur Überwachung und zum Verkauf personalisierter Services – benötigt man die Autorenidentifikation überhaupt?


[1] https://orcid.org/  [28.9.2021]

[2] https://orcid.org/  [28.9.2021]

[3] https://www.ub.uni-osnabrueck.de/publizieren_archivieren/orcid.html [28.9.2021]

[4] https://orcid.org/members  [28.92021]

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/ORCID  [28.9.2021]

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/ORCID  [28.9.2021]

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/ORCID  [28.9.2021]

[8] Vgl. https://monitor.orcid-de.org/about.php  [28.9.2021]

[9] https://www.orcid-de.org/  [28.9.2021]

[10] https://www.dnb.de/DE/Professionell/Standardisierung/GND/gnd_node.html  [28.9.2021]

[11] https://info.orcid.org/orcid-for-publishers/  [28.9.2021]

[12] https://info.orcid.org/orcid-for-publishers/  [28.9.2021]

[13] https://info.orcid.org/orcid-for-publishers/  [28.9.2021]

[14] https://info.orcid.org/orcid-for-publishers/  [28.9.2021]

[15] Vgl. https://info.orcid.org/about-membership/  [28.9.2021]

[16] ORCID unterscheidet auch US-Bürger und Nicht-US-Bürger nicht. „It is not likely that ORCID would be subject to US surveillance law requests highlighted in the Schrems II decision.” https://info.orcid.org/our-principles-policies/faq-orcid-and-ecj-schrems-ii-decision/#easy-faq-13381  [28.9.2021]

Kommunikation mit Literaturverwaltungsdatenbanken. Ein kontrafaktischer Erfahrungsbericht

Andreas Kaminski, Alexander Friedrich

Hätte Niklas Luhmann seinen berühmten Zettelkasten als digital vernetztes Literaturverwaltungsprogramm angelegt, wenn er so bequeme und elaborierte Möglichkeiten dafür gehabt hätte wie jene, die inzwischen dafür verfügbar sind? Und wenn er es getan hätte, würde er am Ende doch wieder auf sein papierbasiertes Aufschreibesystem zurückwechseln? – Begeben wir uns auf eine imaginäre Spurensuche… 

Als Luhmann durch Internetwerbung, Informations- und Lizensierungsangebote seiner Bibliothek sowie begeisterte Kommentare seiner Kolleg:innen in den sozialen Medien auf verschiedene Programme aufmerksam geworden war, die in enger Zusammenarbeit mit der akademischen Community entwickelt und kostenfrei angeboten wurden, hatte er – nach anfänglicher Skepsis, gleichwohl mit Neugierde – verstanden, welche Möglichkeiten ihm die Tools boten. Er begann, sich einen digitalen Zettelkasten einzurichten und brachte sich auch bald mit eigenen Wünschen und Vorschlägen für die Entwicklung des Programmes ein, die von der Community eifrig aufgenommen wurden.[1] Schon bald war der digitale Zettelkasten zu einem ständigen Begleiter seiner Arbeit geworden. Wenn er einen Text las, notiert er darin rasch seine Exzerpte, Zitate, Zusammenfassungen und Kommentare. Die Notizen ergänzte er durch Schlagworte wie Kommunikation, Wissenschaft, Komplexität usw., versah sie mit Links zu weiterführenden Internetquellen oder Dateien auf seinem Computer.   

Über die Jahre hinweg waren nicht nur der Umfang des digitalen Zettelkasten, sondern auch dessen Möglichkeiten immens angewachsen. Dank der beständigen Weiterentwicklung der Software wurden neue und immer mächtigere Funktionen ergänzt. Die akademische Community unterstützte die Entwickler mit Hinweisen und Nutzerwünschen. Zunächst kam die hilfreiche Option hinzu, bibliographische Daten per DOI fast automatisch in den Zettelkasten aufzunehmen. Bald konnten Texte als PDFs selbst in den Zettelkasten integriert werden. Anschließend war es sogar möglich, Texte direkt im Viewer der Literaturverwaltung zu lesen und zu annotieren. Wenn Luhmann einen Abschnitt gelb markierte, wurde die Passage automatisch als Zitat in seinen Zettelkasten übernommen, samt formatiertem Quellennachweis. 

Später kam noch die Möglichkeit hinzu, ein virtuelles Inhaltsverzeichnis im Zettelkasten anzulegen. Luhmann plante, einen Text über die Organisation von Wissen in digitalen Aufschreibesystemen, er entwarf den Gedankengang dafür im Zettelkasten. Dazu notierte die Kapitel und Abschnitte des zu schreibenden Manuskripts und fügte ihnen anschließend Zitate, Notizen und Kommentare hinzu. Über Schlagworte und Querverweise füllten sich die Kapitel dann wie von selbst mit den damit verknüpften Zetteln, die dann nur noch selektiert und in eine gedankliche Ordnung gebracht werden mussten.

Sobald er sein Textverarbeitungsprogramm öffnete und mit dem Schreiben begann, konnte er durch ein Plug-In seine Zettel im Text einblenden und bibliographische Angaben durch einfaches Hinüberschieben ergänzen. Oder er zog ein Zitat aus dem digitalen Zettelkasten in das Manuskript, an dem er gerade arbeitete, und die bibliographischen Angaben dazu wurden daraufhin automatisch ergänzt. Löschte er das Zitate, wurden die Angaben automatisch entfernt. Sehr bequem.

Im Laufe dieser Entwicklung wanderte der Zettelkasten von Luhmanns Computer, wo er als Programm auf dem Desktop ausgeführt wurde, in die Cloud. Dadurch war es ihm nicht nur möglich, von „überall“ auf seine Zettelsammlung zuzugreifen. Er konnte sie zudem in Teilen oder im Ganzen mit Kolleginnen und Kollegen teilen, die wiederum ihrerseits zum Wachstum des Zettelkastens beitragen konnten.

Luhmann dachte darüber nach, wie der digitale Zettelkasten seine Arbeitsweise erleichtert, erweitert oder überhaupt erst ermöglicht. Er konnte schneller arbeiten, bibliographische Daten mussten nicht händisch erfasst oder in Literaturverzeichnisse eingefügt werden, Zitate nicht mehr abgetippt, Texte nicht auf einen Kopierer gelegt und nach der Ablage wiedergefunden werden. Über die Jahre hatte sich der Zettelkasten zu einem Archiv entwickelt, dass er mit seinem persönlichen Gedächtnis allein nicht mehr überblicken konnte: Er enthielt eine beträchtliche Zahl von bibliografischen Daten, Texten in PDF-Form, Zitaten, Notizen sowie ein umfangreiches Schlagwortsystem. Vor allem die Verwaltung und Pflege seines speziellen Verweissystems war mithilfe der Digitaltechnik spielend leicht zu bewältigen. Raumprobleme entstanden auf absehbare Zeit auch keine. Der Zettelkasten war zudem über die Jahre so eng mit seinem Arbeitsprozess zusammengewachsen, dass er sich kaum vorstellen mochte, ohne ihn auszukommen. Das Ergebnis seiner Überlegung zur Frage, wie das Programm seine Arbeitsweise, seinen Arbeitsalltag, ja sein Leben strukturierte, brachte er schließlich in die Form eines Aufsatzes: „Kommunikation mit Literaturverwaltungsprogrammen. Ein Erfahrungsbericht“.[2]

Die Geschichte von Literaturverwaltungsprogrammen hat häufig einen ähnlichen Anfang und eine ähnliche Entwicklung. Programme wie EndNoteMendeley oder Citavi (vormals LiteRat) haben ihren Ursprung in akademischen Kreisen. EndNote wurde 1985 in Berkeley (Californien) von Dr. Richard Niles gegründet, einem Mathematiker, der – wie die Firmenwebsite von 1995 schildert – bemerkte, dass seine Frau, die ebenfalls Wissenschaftlerin war, Stunden damit zubrachte, Bibliographien in die von verschiedenen Verlage verwendeten unterschiedlichen Formate zu bringen.[3] Der Vorläufer von Citavi wurde von Hartmut Steuber, dem damaligen Leiter der Informationsstelle Erziehungswissenschaft, gemeinsam mit zwei studentischen Mitarbeitern an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entwickelt. Auch aus seiner Sicht stand ein Defizit am Anfang der Entwicklung: Es fehlte, so Steuber, ein Programm, um „Literatur für Publikationen und Seminararbeiten“ auswerten zu können.[4] Die erste Version namens LiteRat Classic erschien 1995.[5] Um die Finanzierung und damit Weiterentwicklung zu sichern, gründeten sie später das Unternehmen Swiss Academic Software. Es entwickelte Citavi zu einer der erfolgreichsten Literaturverwaltungen, insbesondere im deutschsprachigen Bereich. Nach eigenen Angaben können 85 % der Studierenden an deutschen Hochschulen Citavi dank einer (kostenpflichtigen) Campuslizenz die Software kostenlos nutzen.[6] Mendeley wurde von Doktoranden 2008 gegründet.[7] Durch den wie schon bei Endnote und Citavi betonten Fokus auf die gemeinsam mit der akademischen Community erfolgte Entwicklung der Literaturverwaltung genoss es bald eine ausgezeichnete Reputation. Da Mendeley auf Kollaboration beruhte, galt es als guter Rebell gegen die Lizenzschwellen der Verlage, die den akademischen Dialog mit oft beträchtlichen Bezahlschranken erschwerten.[8]

Was diese Literaturverwaltungen neben ihrer Einbindung in die akademische Community ferner gemeinsam haben: Sie wurden in den letzten Jahren von anderen Unternehmen, darunter auch großen Verlagshäusern aufgekauft. Der Aufschrei war groß, als Elsevier 2013 Mendeley erwarb – für 100 Millionen Dollar.[9] Elsevier galt in einigen Kreisen als das Gegenteil von Mendeley – als „evil“, als „bad crowd“.[10] EndNoteTM war zwischenzeitlich von Reuters aufgekauft worden, bevor es an einen anderen Großverlag ging: Clarivate Analytics. Auch Citavi ist 2021 von einem anderen Unternehmen erworben worden: QSR International. Es handelt sich um einen Entwickler von Software zur Datenanalyse. 

Das Schreiben beginnt beim Lesen. Die soziologische Frage Luhmanns war: Wie verändert sich das Denken, wenn sein digitaler Zettelkasten kommerziellen Verlagen und Datenhändlern gehört? Begonnen hatte die Aufzucht seines Zettelkastens als eine Art koevolutionärer Prozess des Sammelns und Verweisens und Ergänzens. „Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann. Es weist, darin dem eigenen Gedächtnis ähnlich, keine durchkonstruierte Gesamtordnung auf, auch keine Hierarchie und erst recht keine lineare Struktur wie ein Buch.“[11] Inzwischen ist dieses Gedächtnis über das Internet aber noch an ein viel größeres angeschlossen. „Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System erhält“, erkannte Luhmann: „Eine Notiz, die an dieses Netz nicht angeschlossen ist, geht im Zettelkasten verloren, wird vom Zettelkasten vergessen.“[12] – Was aber, wenn dieses Netz Teil eines noch größeren Netzes wird, in dem nichts mehr vergessen wird? 

Die Tools sind längt nicht mehr nur „Referenzmanager“. Sie zielen darauf ab, den gesamten Forschungsprozess zu strukturieren und in ein Werkzeug zu integrieren, das Infrastruktur fürs Denken, Lesen und Schreiben sein will. Dass diejenigen, die das Lesen und Schreiben als eine zu verfeinernde Kunstfertigkeit erleben, diese auch mittels virtuoserer Werkzeuge weiterentwickeln wollen, ist verständlich. Und die Veränderungen, die die anschmiegsamen Tools mit sich bringen, sind nicht leicht zu erfassen. Es ist zunächst ein Unbehagen darüber, dass die vielen Stunden Arbeit am Zettelkasten (als Daten) nun so eng mit den Entscheidungen von Unternehmen verbunden sind. 

Luhmann hatte am Abend eine Mail von einem Kollegen erhalten, der ihm seinen neuesten Aufsatz zuschickte. Die Frage war, ob er die Datei des Textes in die Datenbank seiner Literaturverwaltung aufnehmen sollte. Seine Universität subskribierte die Zeitschrift nicht, in der der Aufsatz erschienen war. Sein digitaler Zettelkasten gehörte einem Verlag, der den Abonnementstatus über eine Lizenzabfrage leicht feststellen kann. Und über seine individuelle ID, mit der die großen Wissenschaftsdatenhändler den Wissenschaftsautor Luhmann längst erfasst hatten, um seine ID mit allen verfügbaren Informationen über sein Lese-, Schreib-, Kommunikations- und Konsumhalten zu verknüpfen,[15] ist ebenfalls leicht feststellbar, dass er diesen Text nicht selbst gekauft, sondern über den „Schattenmarkt“ erhalten hat. Doch die Online-Tauschbörsen der Wissenschaft wurden in den letzten Jahren massiv attackiert. Zunehmend wurden auch Individuen für Urheberrechtsverstöße verfolgt. Das reichte bis in die Lehre hinein; Dateien, die in Seminaren zu Unterrichtszwecken angeboten wurden, mussten bis auf Komma genau erfasst und lizenziert werden. Bei Verstößen drohten immense Strafen, so wie längst schon bei illegalen Musik- und Filmtauschbörsen. 

Elsevier, das Mendeley übernahm, hatte sich für den Stop Online Piracy Act (SOPA) eingesetzt, einem Gesetzesentwurf, der 2011 im US-amerikanischen Repräsentantenhaus eingebracht wurde, um weitreichende Maßnahmen zur Durchsetzung von Urheberrechts- und Verwertungsansprüchen einzuführen. Zu Clarivate Analytics gehört neben EndNoteTM das Web of Science, das die Datenbanken mehrere Disziplinen miteinander verbindet und mit Zitationsdaten auch Impact-Faktoren ermitteln will. Ferner ist Clarivate Analytics im Besitz von CompuMark und MarkMonitor: zwei Services, die darauf spezialisiert sind, Markenrechtsverletzungen zu ermitteln bzw. Antipiracy-Lösungen anzubieten. 

Gibt es vielleicht etwas Ähnliches zur Überprüfung der Texte im Zettelkasten? 

Die großen Verlage haben, wie beobachtet worden ist, ihr Geschäftsmodell verändert: Das Verlegen von Texten ist nurmehr ein Element, man ist auf dem Weg, sich in einen Datenhändler und -analytiker zu verwandeln. Dazu gehört auch, Themen und Forschungstrends frühzeitig zu erkennen und aufzugreifen. 

Nachdem Luhmann einen Text mit Habermas veröffentlicht hatte, wurden ihm fortan zunehmend Texte zur Diskurstheorie empfohlen, ein Text des Mathematikers Spencer-Brown wurde von seinem digitalen Zettelkasten indessen als irrelevant betrachtet, und daher in seiner Literaturrecherche nicht angezeigt

Elsevier, das selbst zur REALX Group gehört, bietet inzwischen unter dem Namen Pure ein „Research Information Management System an“, es verspricht einen „evidenzbasierten Ansatz im Hinblick auf die Forschungs- und Kollaborationsstrategien, die Assessment-Übungen und die alltäglichen Geschäftsentscheidungen Ihres Instituts.“ Es bietet eine Integration von anderen Services wie SciVal, Scopus, Plum Analytics oder NewsFlo an und soll dabei helfen, Forschungstrends zu erkennen und Institutionen zu benchmarken.[13]  

Luhmann überlegte, ob er den digitalen Zettelkasten verlassen sollte. Oder zumindest zu einer anderen, nichtproprietären Software wechseln sollte. Das Problem war, dass es nicht leicht ist, die einmal in den alltäglichen Gebrauch eingewobene Infrastruktur aufzugeben. Das Problem der Pfadabhängigkeit: Migration wird alles andere als unproblematisch. Viele Jahre Arbeit waren in das Netz von Literatur, Zitaten, Schlagworten eingegangen. Das alles lässt sich nicht ohne großen, vielleicht zu großen Aufwand umtopfen. Ein Lock-in, das die jahrzehntelange Arbeit faktisch irreversibel an den einmal erschaffenen Zettelkasten bindet – weil Information endlos, die Lebenszeit aber begrenzt ist.

2008 hatte EndNoteTM eine Klage gegen die George Mason University eingereicht, die Entwickler hinter Zotero.[14] Zotero ist ein Literverwaltungsprogramm, das als freie Open Source-Software angeboten wird. EndNoteTM klagte, weil Zotero die Möglichkeit bot, die Daten in EndNoteTM nach Zotero zu migrieren und dafür eine technische Lösung zur Verfügung stellte. Diese verletze, so EndNoteTM, die Lizenzrechte, da sie mit dem spezifischen Format von EndNoteTM arbeite. Die Klage wurde abgewiesen. 


[1] Vgl. http://www.zettelkasten.danielluedecke.de.

[2] Zur kontrafaktischen Gegenlektüre: Niklas Luhmann: „Kommunikation mit Zettelkästen: Ein Erfahrungsbericht“. In: Universität als Milieu: Kleine Schriften, hrsg. v. André Kieserling, Bielefeld: Haux 1992, S. 53–61. Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=4veq2i3teVk (Aufruf vom 1.12.2021).

[3] So nachzulesen auf der Firmenwebsite von Niles & Associates, Inc. aus dem Jahr 1995, die dank archive.org dokumentiert ist. Vgl. https://web.archive.org/web/19961112110744/http://www.niles.com/home/Company.htm (Aufruf vom 01.12.2021).   

[4] https://www.b-i-t-online.de/heft/2016-01-firmenportraet-citavi.pdf (Aufruf vom 30.11.2021).

[5] https://web.archive.org/web/20031008050454/http://www.literat.net/net_info.html (Aufruf vom 30.11.2021). 

[6] https://www.b-i-t-online.de/heft/2016-01-firmenportraet-citavi.pdf (Aufruf vom 30.11.2021).

[7] https://blog.mendeley.com/2008/03/11/hello-world/ (Aufruf vom 26.11.2021)

[8] https://www.newyorker.com/tech/annals-of-technology/when-the-rebel-alliance-sells-out (Aufruf vom 26.11.2021)

[9] https://www.theguardian.com/media/2013/apr/09/reed-elsevier-buys-mendeley (Aufruf vom 01.12.2021)

[10] Vgl. etwa nicht untypische Reaktionen auf Twitter: https://twitter.com/zephoria/status/321602939682701312?s=20

[11] Luhmann: „Kommunikation mit Zettelkästen“, S. 57. 

[12] Ebd. S. 58.

[13] https://www.elsevier.com/de-de/solutions/pure (Aufruf vom 10.11.2021). Siehe dazu auch den Beitrag von Dawid Kasprowicz.

[14] https://en.wikipedia.org/wiki/EndNote (Aufruf vom 02.12.2021).

Wertschöpfung Bottom-up

Über szientometrische Verlagstools im Forschungsmanagement

Dawid Kasprowicz

Illustration: Matthias Seifert

Zu Beginn der Woche ging eine Mail an die Mitarbeiter:innen des Lehrstuhls. „Möchte jemand hingehen? Könnte interessant für uns sein.“ Die Mail war allgemein gehalten. Eine gewisse Erwartung an die Mitarbeiter:innen, den Termin wahrzunehmen, konnte man zwischen den Zeilen nicht herauslesen. Anfang der Vorlesungszeit, voller Kalender, aber dennoch: Ich folgte der Einladung. Denn das Thema war umso konkreter: Optimierung der Publikations- und Kollaborationstätigkeiten durch bibliometrische und szientometrische Tools. Kurzum: Systematische Erfassung von relevanter Forschungsliteratur, Bilanzierung von Themen-Trends in Graphen, Bestimmung der Gewichtung von Ländern und Disziplinen zu neuen Forschungsthemen durch Tortendiagramme, Verortung der wichtigsten Communities zu aktuellen Fragestellungen durch historisierte Zitationsverläufe – womöglich etwas, dass für Drittmittelanträge mühsam aufgearbeitet und im jeweiligen Dokument unter „Forschungsstand“ eingearbeitet werden muss. Das klang hilfreich.

Drei Tage später begann also der Workshop zum digitalen Verlagstool des niederländischen Verlages Elsevier mit dem Namen „SciVal“.  Entgegen meiner Erwartung stand aber nicht die individuelle Nutzung von Forscher:innen im Vordergrund, sondern die möglichen Chancen für die Universität als Forschungsinstitution und Antragsteller. In der ersten Reihe nahm der Forschungsdekan der Universität sowie die Leitung des Forschungsservices Platz. Ein Vertreter der Firma Elsevier stellte das Tool vor, das aus vier Bausteinen mit den Namen „Overview“, „Benchmarking“, „Collaboration“ und „Trends“ besteht. Schnell wurde klar, dass es um die Vermarktung eines Tools ging, das in erster Linie großen Institutionen dazu dienen soll, maßgeschneiderte Informationen für große Förderprogramme wie z.B. die Exzellenz-Initiative zu erhalten. In solchen Formaten muss die Ausnahmestellung der Universität (oder besser: ihr Unique Selling Point) durch Internationalisierung und eine nachhaltige Vorreiterrolle in den Forschungsgebieten, die sie ins Rennen schickt, deutlich gemacht werden. Operativ stellen sich dann folgende Fragen: Wie lässt sich der Stellenwert eines internationalen Kollaborationspartners in seinem Forschungsfeld ermitteln? Welche Art von Kooperationen haben die Institute, die in meinem Fach die Benchmark darstellen? Mit welchen Themen liegen wir über dem Durchschnitt, was die Zitationen mit impact factor angeht? 

Nun liegt es in der Natur des Forschungswettbewerbes, dass auch große Antragsteller wie Universitäten die geeigneten Tools für ihre Anträge finden. Das Verlagstool „SciVal“ macht allerdings zwei Probleme deutlich, die mit der systematischen Szientometrisierung akademischer Publikationspraktiken durch private Anbieter einhergehen: Zum einen ist es die Datenbank „Scopus“, mit der das Verlagstool „SciVal“ versehen ist. Bei „Scopus“ handelt es sich um eine teils lizenzpflichtige Datenbank, die ebenfalls zu Elsevier gehört und die Abstracts und Zitationen von 5000 Verlagen aufführt. Zahlreiche Wissenschaftler:innen, die nicht zuletzt für ihre Förderung um eine Quantifizierung ihrer publikatorischen Reichweite bemüht sind, greifen somit auf „Scopus“ zurück.  Die Integration des persönlichen Outputs in „Scopus“ ist also auch Grundlage für Tools wie „SciVal“ – die quantifizierten Qualitätskriterien der Wissenschaft stellen damit die Bedingung für neue Wertschöpfungsketten privater Anbieter.

Zum andern ist der Umstand, dass Universitäten oder ganze Institute als Antragsteller auftreten können, in erster Linie ein wissenschaftspolitischer Effekt, der durch die Kriterien bundesweit ausgeschriebener Förderprogramme ausgelöst wird. Förderwürdigkeit, wie z.B. in der Exzellenz-Initiative, zeichnet sich dabei auch durch eine internationale Reputation und Vernetzung aus – Leitindexe, die sich in einem über Benchmarks und Trends gegossenen Outreach ermitteln und über disziplinäre Grenzen hinweg vergleichen lassen. Um den Outreach – und den seiner möglichen Konkurrenz – ermitteln zu können, werden Lizenzen für Tools wie „SciVal“ erworben und Einführungsveranstaltungen für das Forschungsmanagement der Universität veranstaltet, in die sich auch einige Forscher:innen verirren. Knapp ein Drittel der deutschen Exzellenzuniversitäten hat, wie ich erfuhr, eine SciVal-Lizenz, andere nutzen Anbieter wie „Web of Science“, die ähnliche Tools anbieten. Von Seiten der Hersteller hat man zu Beginn der Schulung versichert, dass eine deutsche Exzellenz-Universität für ihren erfolgreichen Antrag „SciVal“ verwendet hat.

Es ist daher möglich, dass viele deutsche Universitäten, die sich auf größere Förderlinien bewerben, hier an die Verlage herantreten und individuelle Beratung erwerben – wobei der umgekehrte Weg wahrscheinlicher ist. Damit setzt eine wissenschaftspolitische Agenda auch das Begehren, solche Informationen über die Forschungspraxis als Benchmarks generieren zu können. Und das mit Mitteln, die anderen Universitäten – aufgrund der Kosten oder des fehlenden Personals im Forschungsservice – nicht zur Verfügung stehen. Es bleibt langfristig die Frage, ob es universitäre Alternativen zu den Forschungstools der privaten Anbieter geben wird und wenn ja, welchen Benchmark-Kriterien darin gefolgt wird. Es ist wohl eher nicht davon auszugehen, dass die Wissenschaftspolitik ihre Vorliebe für quantifizierbare scientific impacts als Leitindexe der exzellenten Forschung zügeln wird.