Archiv des Autor: Alexander Friedrich

CfP: JTPhil 2020 – Unheimlichkeit und Autonomie

***English follows German***

CfP Jahrbuch Technikphilosophie 2020: Unheimlichkeit und Autonomie

Überwindet Technik das unheimlich Unbeherrschbare? Oder wird sie uns selbst unheimlich? Zwei scheinbar widersprüchliche Narrative prägen die Geschichte und auch die Theorie der Technik: Das Narrativ der Entzauberung beschreibt, wie eine als fremd und gefährlich erfahrene Natur durch Verwissenschaftlichung und Technisierung gezähmt wurde. Das Narrativ der (Wieder)Verzauberung schildert, wie uns Artefakte und technologische Möglichkeiten unheimlich werden, insbesondere wenn sie sich zu verselbständigen scheinen oder mit »autonomem«Eigensinn gegenübertreten. In den heutigen Debatten um selbstlernende, ubiquitär verteilte, im Assistenzmodus unsichtbare, dabei opake Techniken schwingt das unheimliche Moment einer »Verselbständigung«von Technik mit – und trägt im Anschluss an die Mechanisierungs- und Automatisierungsdiskurse des 20. Jahrhunderts zur »Dämonisierung«der Technik bei. Technik macht Welt einerseits vertraut und nachvollziehbar: Paradigmatisch wird dies in der Idee, dass etwas dann verstanden wird, wenn es technisch rekonstruiert werden kann. Andererseits wird die technische Reproduktion von Welt – oder deren radikale Umgestaltung zu einer entfremdeten – als etwas Verstörendes erlebt. Spätestens, wenn Artefakte zu tun scheinen, »was sie wollen«oder technische Großsysteme die Lebenswelt nach ihren »Eigenlogiken«prägen, ist eine schon von Freud benannte Grenze erreicht, an der wir verunsichert werden, ob wir überhaupt noch in der modernen Welt leben.

Freilich beschränkt sich der Zusammenhang von Technik, Autonomie und Unheimlichkeit nicht auf die befremdliche oder erschreckende Anmutung von Artefakten. »Die Kluft zwischen Wissen und Können ist vielleicht grösser, auch unheimlicher als man denkt«, notiert Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse. Günther Anders weitet dies auf die Schere zwischen dem Vorstellbaren und dem Machbaren aus, wonach das Machbare hinter die Vorstellungskraft zurückfallen kann – und umgekehrt das Vorstellen hinter das Herstellen. Wie das schiere, blinde Können unheimlich sein kann, führen auch Filme und literarische Werke vor, in seinem technikphilosophisch inspirierten Roman Der Unbesiegbare (Niezwyciężony,1964) beispielsweise Stanisław Lem. Als unheimlich kann darüber hinaus sowohl eine Perfektion der Mittel als auch ihr Überschuss wirken, siehe hierzu schon den Mythos des Prometheus oder das Chorlied in Sophokles’ Antigone »Ungeheuer ist vieles, nichts aber ungeheurer als der Mensch«.

Schließlich soll Technik »innovativ« sein und verpflichtet sich auf das unerhört Neue mit der Behauptung einer eigenlogischen Entwicklungstendenz zu autonomen (und somit: disruptiven, transformativen) Technologien. Neuheitspostulate sind in der Sache interessant – vielleicht ist etwas daran? Gleichwohl produzieren beispielsweise auch alarmistische Neuheits-Narrative ihrerseits Unheimlichkeiten und Unsicherheiten. Und diese werden womöglich strategisch gestaltet. Im Namen einer vorgeblich durch Technik bedrohten Autonomie sehen wir – gerade als Technikkritiker*innen – uns dann durch eine ›unheimliche Reflexion‹ zum Handeln gezwungen.

Für den so umschriebenen Themenkomplex stehen die Titelwörter des Schwerpunkts Unheimlichkeit und Autonomie im Jahrbuch Technikphilosophie 2020. Der Schwerpunkt wird gemeinsam mit der Zeitschrift für Technikgeschichte verantwortet, die dazu im Herbst 2018 einen korrespondieren CfP zirkulieren wird. Auf Seiten des JTPhil sind sowohl systematische als auch historische Ansätze mit philosophischer Fragestellung willkommen. Manuskripte in deutscher, englischer oder französischer Sprache können bis zum15. Januar 2019 eingereicht werden und sollten nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die Qualität der Abhandlungen sicher. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer kurzen Themenskizze (Abstract) bis zum1. Oktober 2018erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback.

Einsendungen richten Sie bitte per E-Mail an die Redaktion: jahrbuch AT phil PUNKT tu-darmstadt.de.

***

CfP Jahrbuch Technikphilosophie 2020: Autonomy and the Uncanny

Does technological control take the place of what appeared uncannily uncontrollable? Or is it itself becoming uncanny? Two seemingly contradictory narratives shape the history and theory of technology. The narrative of disenchantment describes how nature, experienced as foreign and dangerous, was tamed by becoming scientific and mechanized. Second the narrative of (re-)enchantment recounts how artifacts and technological possibilities become uncanny, especially by way of their seeming independence and by confronting us with an »autonomous« logic of their own. In today’s debates about self-learning, ubiquitous, invisible and opaque technologies, the uncanny moment resonates of a technology with »a life of its own«. Following upon the mechanization and automation discourses of the 20th century, this contributes to the »demonization« of technology. On the one hand technology makes the world familiar and comprehensible, e.g., by equating understanding with technical reconstruction. On the other hand, the technical reproduction of the world – or its radical transformation into an alienated one – is experienced as something disturbing. When artifacts appear to do »what they want« or when large technical systems shape the world according to their »own logic«, a limit is reached that was already mentioned by Freud – we become uncertain whether we are still living in the modern world at all.

To be sure, the linkages between technology, autonomy and the uncanny are not limited to the strange or frightening appearance of artifacts. »The chasm between knowing something and being able to do it is perhaps even greater and more uncanny than it is generally thought to be«, wrote Nietzsche in Beyond Good and Evil. Günther Anders extends this to the gap between what can be imagined and what produced, according to which what is actually produced can fall behind the imagination – and vice versa, imagination can fall behind production. How even sheer, blind capability can be uncanny is demonstrated in films and literary works, as in Stanisław Lem’s technology-philosophically inspired novel The Invincible(Niezwyciężony, 1964). Moreover, both the perfection of the means and their excess can seem uncanny, see the myth of Prometheus or the choral song in Sophocles’ Antigone: »Manifold is the uncanny, yet nothing / beyond the human being prevails more uncannily«.

Finally, technology is meant to be »innovative« and thus promises unheard-of novelty, subscribing to the notion of an inherent tendency toward ever more autonomous (and thus ever more disruptive, transformative) technologies. Claims of novelty are interesting in this matter – maybe there is something to them? At the same time, alarmist narratives of novelty serve to produce, perhaps strategically, uncanniness and uncertainty. In the name of autonomy, allegedly threatened by technology, we engage – especially as critics of technology – in ›uncanny reflection‹ and conceive of action from there.

The title words Uncanniness and Autonomy stand for this thematic constellation of the special issue of the Jahrbuch Technikphilosophie 2020 (JTPhil). It will be coordinated with the Zeitschrift für Technikgeschichte which will announce a corresponding call in autumn 2018. On the part of JTPhil, systematic and historical approaches from a philosophical point of view are welcomed. Manuscripts in German, English or French can be submitted until 15 January 2019 and should not exceed 33,000 characters (including spaces and notes). A double-blind peer review process ensures the quality of the papers. Before submitting a manuscript, please send us a short abstract by October 1, 2018. This is followed by initial editorial feedback.

Please send your submissions by e-mail to the editorial office: jahrbuch AT phil DOT tu-darmstadt.de.

JTPhil 2018 „Arbeit und Spiel“ erschienen

Der 4. Jahrgang des Jahrbuchs ist erschienen, diesmal mit dem Schwerpunkt: „Arbeit und Spiel“.

Aus den Editorial:

Spiel und Arbeit gelten als Gegensätze: Das Spiel als freie Betätigung menschlicher Vermögen, die Arbeit als deren Subordination unter einen äußeren Zweck. Die Festlegung des Spiels auf das Konsequenzlose und bloß Luxurierende hat ihm den Ruf des Unernsten eingetragen, während das Abzwecken der Arbeit auf die Nützlichkeit ihres Resultats im Bund mit der Sorge ums Dasein steht. In der Fortschreibung dieser beiden Linien hat man das Spiel wie die Arbeit mit den Begriffen homo ludens und homo faber zu verschiedenen Charakterisierungen der conditio humana nobilitiert. Auch in Bezug auf das in ihnen realisierte Verhältnis von Mittel und Zweck scheinen beide Tätigkeiten auf den ersten Blick gut uterscheidbar: Ist in einem Arbeitsprozess der Zweck gesetzt, für den die geeigneten Mittel gesucht, eingesetzt und optimiert werden, so erlaubt das Spiel bei gegebenen Mitteln eine freie Suche, Variation und Erprobung möglicher, noch unbekannter Zwecke.

Auf den zweiten Blick scheint der Gegensatz jedoch gerade in den entwickeltsten Ausprägungen beider Tätigkeitsformen zu verschwinden. So kann eine hochgradige Rationalisierung von Spielpraktiken in Arbeit umschlagen, wie etwa im Leistungs- oder eSport. Oder ein komplexer Arbeitsvorgang kann selbstzweckhafte, explorative, gestalterische Momente und Eigendynamiken gewinnen, die ihm Spielcharakter verleihen. Auch ein hohes Maß an Verregelung, elaborierte Risikostrategien oder die Aussicht auf Verlust und Gewinn können beide Handlungsformen einander fast ununterscheidbar ähnlich werden lassen.
Starke Rationalisierung oder hohe Komplexität von Regeln bedürfen wiederum oft elaborierter Techniken, um eine entsprechende Rationalität und Komplexität der fraglichen Prozessformen zu erlangen, zu sichern, zu befolgen, zu perfektionieren, zu unterlaufen oder zu modifizieren. Diese Techniken eröffnen ihrerseits neue Spielräume. Das mag gerade an der Spieltheorie, die selbst eine Entscheidungstechnik ist, und darauf beruhenden technischen Anwendungen wie etwa Finanzsimulationen oder leistungsbezogenen Anreizsystemen in kollaborativen Beschäftigungsverhältnissen besonders sinnfällig werden. Auch andere technologische Entwicklungen geben Anlass dazu, das Verhältnis von Spiel und Arbeit noch einmal grundsätzlich zu bedenken, etwa im Hinblick auf: adaptive Systeme in der Robotik, serious games, Kreativitätstechniken in Unternehmenskulturen, wissenschaftliche Experimentalanordnungen, Online-Rollenspiele oder die Kommodifizierung nicht-zweckrationaler Lebensvollzüge, die traditionell vom Begriff produktiver Arbeit ausgeschlossen waren. Die Beschaffenheit der jeweils zum Einsatz kommenden Mittel und Verfahren, die Setzung, Variation oder Preisgabe von Zwecken sowie die Art der subjektiven oder kollektiven Bezugnahme auf die jeweiligen Tätigkeiten können den Cha-rakter von Spiel und Arbeit sowie ihr Verhältnis zueinander bestimmen oder verändern. Dies ist umso mehr der Fall, als unter die Klasse potentieller Spieler und Arbeiter nun auch noch simulierte Akteure und Roboter zu zählen sind, die die Problematik mit Fragen wie »Können Computer wirklich spielen?« oder »Arbeiten Roboter tatsächlich?« eher noch verkomplizieren.

Die in dem diesjähigen Schwerpunkt versammelten Beiträge tragen in sehr unterschiedlicher Hinsicht zu einer Reflexion jener Bewegung bei, in die das Dreieck von Spiel, Arbeit und Technik auf die eine oder andere Weise geraten ist.

Inhaltsverzeichnis

 

Nachruf
Mehr als ein Technikphilosoph – Zum Tode von Günter Ropohl

Schwerpunkt

Stefan Meißner
Arbeit und Spiel – mit Technik neu bestimmt

Oliver Laas
Instrumental Play

Florian Heßdörfer
Das Spielgeld der Pädagogik. Freiheit, Zwang und Arbeit in der Pädagogisierung des Spiels um 1900

Felix Raczkowski
Play, Work and Ritual in Gamification

Christian Klager
Die Ethik des Als-ob. Video- und Computerspiele als technische Sphären der Ethik

Nicole J. Saam und Alexander Schmidl
»A distinct element of play«. Scientific computer simulation as playful investigating

Francesco Amigoni and Viola Schiaffonati
Robotic competitions as experiments: From play to work

G. Günter Voß
Arbeitende Roboter – Arbeitende Menschen. Über subjektivierte Maschinen und menschliche Subjekte

Wolfram Ette
Kosmos Herakles. Zu einer Erzählung Alexander Kluges

Markus Rautzenberg
Einübung ins Ungewisse

Abhandlungen

Christoph Hubig
Der Deus ex Machina reflektiert. Ernst Kapps Technik-Anthropologie zwischen Thomas von Aquin, Hegel
und Latour

Jan C. Schmidt
Die Selbstoptimierung des Selbst. Zur Technikphilosophie des Neuroenhancements

Andreas Kaminski, Michael Resch und Uwe Küster
Mathematische Opazität. Über Rechtfertigung und Reproduzierbarkeit in der Computersimulation

Alfred Nordmann
Four Horsemen and a Rotten Apple. On the Technological Rationality of Nuclear Security

Archiv

Alexander Kluge
Heiner Müller und »Die Gestalt des Arbeiters«

Diskussion

Nicole C. Karafyllis
Homo faber revisited: Eine philosophische Bestandsaufnahme der ›Machbarkeit‹.
Rezension zu: Hans Poser: Homo Creator. Technik als philosophische Herausforderung, Wiesbaden 2016.

Hildrun Lampe
Modellieren: Ansätze für die Grundlegung zu einer interdisziplinären Praxis
Rezension zu: Bernhard Thalheim und Ivor Nissen (Hg.): Wissenschaft und Kunst der Modellierung. Kieler Zugang zur Definition, Nutzung und Zukunft, Berlin, Boston 2015.

Pieter Lemmens
Transductive reticulation: How to reflect on digital thinghood.
Review of: Yuk Hui: On the Existence of Digital Objects, University of Minnesota Press, Minneapolis, 2016.

Kontroverse

Technikhermeneutik: Ein kritischer Austausch zwischen Armin Grunwald und Christoph Hubig

Kommentar

Petra Gehring
Digitalissimo humanissimo! »Die DH« zwischen Marke und Methodik

Glosse

Andreas Brenneis
Unboxing

Das Jahrbuch kann beim Verlag als Druckwerk bestellt oder in der Nomos-eLibrary digital bezogen werden.

Alexander Friedrich, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski, Alfred Nordmann (Hrsg.): Jahrbuch Technikphilosophie 2018. Arbeit und Spiel, Baden-Baden: Nomos 2018, in Gemeinschaft mit Edition Sigma. 376 S., broschiert, 39,90€. ISBN print: 978-3-8487-4279-0, ISBN online: 978-3-8452-8542-9, DOI: 10.5771/9783845285429-1.

CfP: JTPhil 2019 – Steuern und Regeln // abgelaufen

English follows German

CfP Themenschwerpunkt 2019: „Steuern und Regeln“

Unter der Leitdifferenz „Steuern – Regeln“ (ähnlich „Steuern – Sichern“) werden in der herkömmlichen Technik­philosophie die beiden Operationsmodi „klassischer“ Technik gefasst und beschrieben. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht: zum einen in der Absicht, die sich seit der neolithischen Revolution ausprägende menschliche Technik im Unterschied zur „Zufallstechnik“ (Ortega y Gasset) höherer Spezies oder der Urmenschen zu spezifizieren; zum anderen mit dem Ziel, das Verhältnis von Technik und (Natur-)wissenschaft genauer freizulegen. Indessen fordern aktuelle Technologien, historische Zustandsbeschreibungen einer „Technoscience“ sowie neue epistemische Praktiken die Zweiteilung von „Steuern“ und „Regeln“ heraus.

1974 hat W. R. Ashby kanonisch formuliert, durch „eine perfekte Regelung“ werde „eine perfekte Steuerung (Bestimmung des Ergebnisses durch den Steuerungsakt) möglich“. Regelung wird hier als „ausgearbeitete Gegenaktion“, als „Blockierung des Flusses der Vielfalt von Störungen zu den Variablen des Systems“ charakterisiert. Dabei unterscheidet Ashby zwischen einer „statischen Verteidigung“ (einem Containment als Abschottung von Stör­größen), Konzepten einer in den Systemen implementierten „Reaktion auf Bedrohung“ („Störgrößenaufschaltung“ nach DIN 19226) sowie einer „Regelung durch Abweichung“ („Kopplung zwischen zwei Steuerungs­prozessen/Steuerung des Reglers über die Differenz Ist-Soll-Größe“ nach DIN). Es geht also um die Gewährleistung von Erwartbarkeit, Wieder­holbarkeit, Planbarkeit, Antezipierbarkeit gelingenden Steuerns durch die Ausschaltung von Störgrößen. In der „Steuerung“ und „Sicherung“ hat auch Heidegger die „Hauptzüge“ der modernen Technik ausgemacht; Natur werde dadurch zum „Bestand“, über den in einer Weise verfügt werden kann, die nicht mehr – wie die Zufallstechnik – den Widerfahrnissen und Geschenken der Natur ausgeliefert ist. Fast alle Genealogien von Technik zeichnen ein vergleichbares Bild einer dramatischen Eskalation des „Steuerns“ und der (Selbst-)Regulierung in der Technikentwicklung. Sieht man von einigen archaischen Vorläufertendenzen ab, so tritt in der neolithischen Revolution (Anlage von Äckern und deren Bewässerung, umhegte Viehzucht, elementare Infrastrukturen fester Siedlungen, des Verkehrs, der Kommunikation etc.) zutage, wie sich der Mensch partiell von Fährnissen der äußeren Natur unabhängig macht. Neben diesen Realtechniken sind entsprechende Intellektual- und Sozialtechniken erforderlich, wie sie die mythische Figur der Athene verkörpert. Liegt also tatsächlich im Schritt vom Steuern zum Regeln eine entscheidende moderne Qualität?

Naturwissenschaft klassischer Ausprägung ist für ihre Suche nach gesetzmäßigen Zusammen­hängen zwischen Parametern auf deren Idealisierung durch Ausschalten von kontingenten Störgrößen angewiesen, also auf das Experimentieren in technischen Systemen (Bacon spricht von „vexatio naturae artis“: technischer Verzerrung der Natur). Erträge einer solchen interventionistischen Natur­wissenschaft können eine technische Anwendung finden. Etwa dann, wenn vergleichbare Rand­bedingungen garantiert werden, wie sie in den technisch verfassten Experimenten gegeben sind. Technik erscheint auf diese Weise als angewandte Wissenschaft, weil Forschung bereits angewandte Technik ist, wie Husserl es vielfach herausgearbeitet hat.

Mit Blick auf sogenannte „new emerging sciences and technologies“ (NEST), und andere Entwicklungen im Bereich der Informations-, Kognitions-, Nano- und Biotechnologien, kann nun zurecht gefragt werden, wer oder was als Subjekt von Steuerungs- und Regelungsprozessen konzeptualisiert werden kann. Ferner scheinen die Grenzen zwischen beiden Operationsmodi zu verschwimmen, sofern selbstorganisier­ende Systeme Mehrebenen-Systeme von Steuerungsalgorithmen in regelnder „Absicht“ hervorbringen und umgekehrt die Bilanzierung eines Gelingens von Steuerung die Regelarchitekturen selbst verändert („maschinelles Lernen“) . Zugleich lassen sich analoge Effekte im Felde epistemischer Praktiken registrieren, welche Ideale und Standards klassisch-experimenteller Forschung bewusst zu überschreiten suchen: Indem man den klassischen Weg einer Forschung, die epistemische Gegenstände zu technischen Objekten macht, hinter sich lässt, werden epistemische Dinge bewusst dahingehend inszeniert, dass sie störungsoffen und in ihrem Prozessieren irritierbar sind, um auf diese Weise ihre Relationierung und Vernetzung mit Faktoren einer noch unbekannten Umwelt zu eruieren, die neue epistemische Gegenstände generiert. Auch hier scheint die alte Leitdifferenz von Steuern und Sichern obsolet zu werden, da Überraschung intendiert ist und nicht mehr als Störfaktor gilt.

Umgekehrt werden im Kontext großtechnischer Systeme sowie der Organisation großer sozialer Gebilde und Zusammenhänge die Möglichkeiten einer Steuerung problematisch, und zwar in doppelter Hinsicht: zum einen scheinen insbesondere digitale Informations­techno­logien neue, vielfältige Optionen zur Mani­pulation und Regulation von Prozessen oder Zuständen zu eröffnen (z.B. Monitoring, Big Data, Profiling), zum anderen scheinen gegen­läufige Konsequenzen derselben Entwicklung (z.B. Datenflut, Akzeleration, Automatisierung, ‚Eigenlogik’ soziotechnischer Infrastrukturen) die Möglich­keiten einer koordinierten Steuerung zunehmend in Frage zu stellen. Auch hier stellt sich die Frage, wer oder was als Subjekt von Steuerungs- und Regelungsprozessen adressiert werden kann oder werden soll.

Erbeten werden Beiträge, die das Thema Steuern und Regeln im Hinblick auf neue technik­philo­sophische Herausforderungen adressieren oder die klassischen Konzepte auf eine neue Weise befragen.

Neben dem geplanten „Themenschwerpunkt“ gibt es eine offene Sektion „Abhandlungen“, in der die verschiedensten Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem „Rezensionsteil“ werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen, und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert. Das Jahrbuch erscheint seit seinem 3. Jahrgang in der Edition Sigma des Nomos Verlags. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden.

Manuskripte für Schwerpunktbeiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2018 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 35.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persönlichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf einem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2017 (ca. eine halbe bis max. zwei Seiten) erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, das auch alle Informationen zur formalen Textgestaltung enthält. Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per E-Mail an die Redaktion.

 

Call for Papers 

Thematic Focus 2019: „Command and Control“

As cybernetic credo and seemingly confident assertion of technological prowess, „command and (regulatory) control“ conjoins the two distinct modes of operation of „classical“ technology. These two modes have been taken up in at least two ways by the philosophy of technology. Originating with the Neolithic revolution, the interplay of command and regulatory control serves to distinguish specifically human technology from the „accidental technology“ (Ortega y Gasset) of other higher species. Moreover and perhaps more fruitfully, the modes of command and regulatory control afford a precise characterization of the relations between science and classical technology. Contemporary emerging technologies require a historical assessment of „technoscience“ along with an analysis of new epistemic practices that call into question the separate modes of command and regulation or control.

W. Ross Ashby provided the canonical statement that „perfect regulation of the outcome by R makes possible a complete control over the outcome by C” (1957, 214). Regulation is understood as “counter-action” as the regulator “blocks the flow of variety from disturbances to essential variables” (1957, 204).  Ashby here distinguishes between the “passive block” of a tortoise shell and skilled counter-action by way of the “static defence” of a fencer. All this revolves around the affordance of expectation and anticipation, reproducibility and planning through the exclusion of perturbations of confounding variables. Along these lines, Martin Heidegger also considered as one of the main characteristics of modern technology „Steuerung (command)“ und „Sicherung (securing through regulation).“ This renders nature a Bestand (resource, „standing-in-reserve“) that can be disposed of in a way that is no longer – as opposed to accidental technology – subject to the contingencies or gifts of nature. Indeed, most genealogies of technology provide a similar picture of a dramatic escalation of the power to command along with the (self-)regulation of technology. The Neolithic revolution (the creation of fields and their drainage systems, stock farming, elementary infrastructures of settlements, traffic, and communication) brought to light how humans achieve some degree of independence from the vagaries of nature.  These material technologies require corresponding intellectual and social technologies which are embodied in the mythic figure of Athena. Accordingly, one might ask whether there is really a specifically modern quality in the move from command to regulatory control.

Natural science, classically conceived, seeks lawful connections among parameters by way of idealization and the exclusion of contingent variables. It thus depends on experimentation in technical system or, as Francis Bacon pointed out already, a technical distortion of nature. The findings of this interventionist science can be applied technologically, for example, by implementing constraints that are comparable to those in the technologically designed experiments. Thus, technology appears as applied science because science is applied technology as Husserl has shown repeatedly.

With a view towards the so-called „new and emerging sciences and technologies“ (NEST) and other developments in the field nano- and biotechnologies, in information and cognitive science, one might ask how the subject of command and control processes can be conceived. Moreover, the boundaries between the two modes of operation appear to blend, insofar as self-organizing systems induce command algorithms with the “intent” of regulating behavior, and insofar by way of “machine learning” regulatory success alters the command architecture. At the same time, one can notice analogous effects in the field of epistemic practices that seek to transcend the standards and ideals of classical experimental science. One leaves behind the classical path of research leading from epistemic to technical objects. Instead, epistemic things are directed to be open to perturbation in order to explore their relation to factors of a yet-unknown environment, and thus to generate new epistemic objects. Here again, the former guiding distinction of command and control appears to become obsolete since surprise is intended and is not considered a perturbation.

By way of another inversion, the option of regulatory control becomes doubly problematic in the context of large technical systems and large social constellations. First, digital information technologies provide multiple ways of manipulation and regulating states and processes (e.g. monitoring, big data, profiling). Second, there are opposing consequences of the same development which render increasingly doubtful the possibility of deliberate and coordinated command (e.g. data glut, acceleration, automation, internal developmental logics of sociotechnical infrastructures). Again this raises the question who or what can or should be addressed as the subject of command and control processes.

The Jahrbuch Technikphilosophie is looking for contributions that take up the theme of Command and Control with a view of contemporary philosophical challenges or that bring new questions to classical conceptions. The yearbook will be published in print and digitally by Nomos (jtphil.nomos.de). Contributions may be written in German, English, or French. Manuscripts dealing with “Regulation, Command and Control” should be submitted by January 15, 2018 and should not be longer than 35,000 characters. Articles will be subject to double-blind peer review. Personal information should only appear on the cover page of the manuscript in order to ensure anonymity. Prior to submitting a manuscript and before the date of October 1st, 2017, authors are invited to send in a working title and rough sketch of their proposed contribution. Subsequently, authors will receive preliminary feedback from the editors, together with further information regarding formatting. Please direct contributions, proposals, and inquiries to the editors via Email

CfP: JTPhil 2018 – Arbeit und Spiel // abgelaufen

Spiel und Arbeit gelten oft als Gegensätze: Das Spiel als freie Betätigung menschlicher Vermögen, die Arbeit als deren Subordination unter einen äußeren Zweck. Die Festlegung des Spiels auf konsequenzlose Wiederholbarkeit hat ihm den Ruf des Unernsten eingetragen, während das Abzwecken der Arbeit auf die Nützlichkeit ihres Resultats im Bund mit der Sorge ums Dasein steht. Jenseits ihrer Reduktion aufs Unernste und Unfreie sind Spiel wie Arbeit mit den Begriffen homo ludens und homo faber zu Charakterisierungen der conditio humana nobilitiert worden. Auch in Bezug auf das in ihnen realisierte Verhältnis von Mittel und Zweck scheinen beide Tätigkeiten auf den ersten Blick gut unterscheidbar: Ist in einem Arbeitsprozess der Zweck gesetzt, für den die geeigneten Mittel gesucht, eingesetzt und optimiert werden, erlaubt das Spiel bei gegebenen Mitteln eine freie Suche, Variation und Erprobung möglicher, noch unbekannter Zwecke.

Auf einen zweiten Blick scheint dieser Gegensatz jedoch, gerade in den hochentwickeltsten Ausprägungen beider Tätigkeitsformen, zu verschwinden. So kann eine hochgradige Rationalisierung von Spielpraktiken in Arbeit umschlagen, wie etwa im Leistungssport, oder ein komplexer Arbeitsvorgang selbstzweckhafte Momente und Eigendynamiken gewinnen, die ihm Spielcharakter verleihen. Auch ein hohes Maß an Verregelung, elaborierte Risikostrategien oder die Aussicht auf Verlust und Gewinn können beide Handlungsformen einander fast ununterscheidbar ähnlich werden lassen.

Hochgradige Rationalisierung (wie im Leistungssport) oder hohe Komplexität von Regeln (wie in avancierten Arbeitsprozessen) verlangen wiederum oft elaborierte Techniken, um diese zu erlangen, zu sichern, zu befolgen, zu perfektionieren, zu unterlaufen oder zu modifizieren. Und diese Techniken eröffnen ihrerseits neue Spielräume. Das mag gerade an der Spieltheorie (selbst bereits eine Entscheidungstechnik) und darauf beruhenden technischen Anwendungen wie etwa Finanzsimulationen oder leistungsbezogenen Anreizsystemen in kollaborativen Beschäftigungsverhältnissen besonders sinnfällig werden. Auch andere technologische Entwicklungen geben Anlass dazu, das Verhältnis von Spiel und Arbeit noch einmal grundsätzlich zu bedenken, etwa im Hinblick auf: adaptive Systeme in der Robotik, serious games, Kreativitätstechniken in Unternehmenskulturen, wissenschaftliche Experimentalanordnungen, Online-Rollenspiele oder die Kommodifizierung nicht-zweckrationaler Lebensvollzüge, die traditionell vom Begriff produktiver Arbeit ausgeschlossen waren – einschließlich der Spielräume, die durch neue Umwelt- und Biotechniken erschlossen werden. Die Beschaffenheit der jeweils zum Einsatz kommenden Mittel und Verfahren sowie die Setzung, Variation oder Preisgabe von Zwecken können den Charakter von Spiel und Arbeit sowie ihr Verhältnis zueinander bestimmen oder verändern.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2018 lädt dazu ein, Beiträge zum Schwerpunktthema Arbeit und Spiel einzureichen. Zur Erkundung, Erörterung und Diskussion der philosophischen Aspekte des spannungsreichen Dreiecks von Technik, Spiel und Arbeit können:

  • theoretische und aktuelle Probleme der Begriffe adressiert,
  • exemplarische Fallstudien zu historischen oder zeitgenössischen Konstellationen ihres Zusammenhangs vorgestellt,
  • Interventionen in einschlägige Diskurse und Kontroversen vorgenommen oder
  • Überlegungen zu möglichen zukünftigen Entwicklungen angestellt werden, die sich in diesem Dreieck abspielen.

Ziel und Anliegen des Jahrbuchs ist eine Zusammenführung aktueller technikphilosophischer Debatten in einem gemeinsamen und weithin sichtbaren Forum. Anspruch ist es, das gesamte Spektrum der Auseinandersetzung zu repräsentieren und aktuelle Thesen, Ansätze und Forschungslinien zum Thema abzubilden.

Neben dem jeweiligen Themenschwerpunkt gibt es eine Sektion Abhandlungen, in der sämtliche Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem Rezensionsteil werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen, und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert.

Das Jahrbuch erscheint mit dem 3. Jahrgang in der Edition Sigma des Nomos Verlags. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die hervorragende Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden. Manuskripte für Schwerpunktbeiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2017 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persönlichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf einem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2016 (ca. eine halbe bis max. zwei Seiten) erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, mit dem alle weiteren Informationen zur formalen Textgestaltung mitgeteilt werden.
Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per Mail an die Redaktion.