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CfP für das JTPhil 2022 „Kunst und Werk“

*English follows German*

Call for Papers für das Jahrbuch Technikphilosophie Vol. 8 (2022) mit dem Themenschwerpunkt: „Kunst und Werk“

„Kunst“ und „Technik“ ist einiges gemeinsam, wie der Blick auf die traditionsbildende antike Wortwurzel techné/arszeigt: Im Spektrum menschlicher Aktivitäten charakterisieren Kunstvolles und Technisches gemeinsam das Herstellen von Werken – das Feld der Poiesis. Ihre spätere Ausdifferenzierung in die „schönen“ (oder nicht mehr schönen) „Künste“ einerseits und die „artes mechanicae“/technischen Künste i.e.S. andererseits ist ein kunst- oder technikhistorisches Thema. Dies jedoch steht nicht im Fokus des geplanten Schwerpunkts. Vielmehr will das Jahrbuch Technikphilosophie 8 (2022) angesichts der Ausprägungen moderner Artefakte als entweder „Kunst“ oder (bzw. und) „Technik“ (1) konzeptuelle Parallelen und Analogien, (2) Komplementaritäten und Verhältnisse wechselseitiger Anregung sowie (3) Gegensätze und Spannungsverhältnisse verhandeln, hinterfragen und reflektieren. Das Stichwort „Werk“ fordert überdies dazu auf, eine womöglich längst unergiebig gewordene Zweiteilung aufzusprengen oder zu triangulieren.

Parallelen und Analogien von Kunst und Technik finden sich in vielerlei Hinsicht. So lässt sich ganz allgemein in beiden Feldern seit der Wende zum 20. Jahrhundert eine Ausweitung des Horizonts der jeweiligen Selbstdefinitionen beobachten: Über die bloßen Artefakte – als Werke – hinaus sprechen Kunst- und Techniktheorie heute von Beziehungenauf und den Umgang der beteiligten Subjekte mit Artefakten. In der Ästhetik findet sich dies im Paradigmenwechsel von der Werkästhetik hin zur Rezeptionsästhetik; in der Techniktheorie dort, wo man statt technischer Produkte technische Systeme oder Dienste betrachtet, in denen Dinge und Produkte, aber eben nicht nur diese, eine Rolle spielen. Im Zuge jener Horizonterweiterung werden zudem Parallelen und Analogien in den Feldern des Entwerfens und der Konstruktion, im Produzieren und Reproduzieren, in der Nutzung und dem Rezipieren sowie in der Bewahrung, dem Wiederbeleben oder dem Recycling ersichtlich. Sie betreffen unter anderem die Rolle ästhetischer Anmutungsqualitäten in der Rezeption und Nutzung sowie kreative heuristische Prozesse (bis hin zum Einsatz des Zufalls oder lebendiger Agentien). Sie betreffen aber auch Verfahren der Konzentration, Reduktion und Einschränkung von Möglichkeiten, oder Strategien zu deren Steigerung und Multifunktionalisierung – mit ihren jeweiligen Leistungen und Grenzen. 

Daneben entwickeln sich Komplementaritäten und Verhältnisse wechselseitiger Anregung von Kunst und Technik (oder vice versa) in neuer Form: Strategien des Zur-Erscheinung-Bringens und der Verkörperung werden vom einen in den anderen Bereich transferiert und manifestieren sich einerseits im Industrial Design, andererseits in der Implementation technischer Funktionalitäten und Effekte in den Künsten. Schönheit und Erhabenheit, Lust und Unlust finden sich in beiden Feldern nicht allein disparat verhandelt, sondern in ihren ästhetischen und technischen Komponenten und deren Verhältnis untereinander freigelegt und verkreuzt. Unübersehbar werden gerade in den Künsten technische Entwicklungen reflektiert, gefeiert und kritisiert. Auch umgekehrt stellen Prinzipien technischer Funktionalität künstlerisch Gemeintes auf den Prüfstand: Erfordernisse der Sicherheit, der Nachhaltigkeit (und Marktgängigkeit) identifizieren Fehlentwicklungen im Ästhetischen. Industriedesign und Popkultur haben Kunst und Technik womöglich längst – und in näher zu bestimmender Weise – erfolgreich amalgamiert. Schließlich brechen aber auch deutliche Gegensätze sowie Spannungs- und Missverhältnisse im Inneren und im Umfeld des klassischen Dual Kunst/Technik auf: Techno-Regimes, Design-Regimes, mit Lebensstilen unlöslich verschmolzene Werbung etc. einerseits und ästhetische Systeme andererseits können aufgrund unterschiedlicher Grammatik (als unterschiedlicher Regelung der Konstruktion sowie der Rezeption und Nutzung) kollidieren. So beklagte schon Adorno, mit der zunehmenden technischen/instrumentellen Organisation der Mittel ginge eine Desorganisation des Sinngehaltes einher und mit der Emanzipation des Materials in seinen Sachgesetzlichkeiten verlören sich Möglichkeitsräume zur Manifestation von Intentionalität. Jenseits einer Übermächtigung durch Technologie kann aber auch umgekehrt ein negativer Effekt aus dem Primat „ästhetischer Grammatik“ resultieren – so, wenn technisch Dysfunktionales aus ästhetischen Gründen beibehalten wird (so die „Stromlinienform“ im älteren Karosseriebau). Theoriebildung kann unter ähnlichen Vereinseitigungen leiden, wenn etwa der Kunst und dem Ästhetischen der Primat einer Reflexion über das Technische eingeräumt wird (Adorno, Heidegger), oder wenn man das Künstlerische einzig unter der Frage der Funktionalität verhandelt bzw. aufgrund einer Funktionalitätsabsenz und so bloße „Dissidenz“ schon philosophisch feiert (Baudrillard, Lyotard). Ersteres hat zu konzeptualis­tischen und postkonzeptualistischen Ansätzen in der Kunst geführt, die Diskurse über Entstehung und Rezeption künstlerischer Hervorbringungen zu Ungunsten einer technischen Qualität von Werken privilegieren, das Ästhetische mithin intellektualisieren. Letzteres manifestiert sich in der Fortschreibung technischer Ideale in die Kunst hinein, wie z.B. in der „konkreten Kunst“, die lediglich noch ihre eigene Konstruktion ausdrückt. Alternativen könnten sich in Strategien finden, die solche Spannungsverhältnisse in produktiver Absicht ausreizen. Können oder sollten Projekte künstlerischer Begleitforschung zu neuen Technikfeldern (Nano, SynBio) einschlägige Entwicklungsoptionen in utopischer oder dystopischer Absicht vorführen? Was überhaupt wäre in der Lage, so etwas wie die Technosphäre zur Schau zu stellen? Umgekehrt wäre in der Technikentwicklung nach neuen Optionen des Spielerischen und Kreativen zu suchen. Bewegt man sich dabei aber endgültig jenseits des „Werks“ – oder erfindet man es in neuer Weise wieder?

Unter dem Titel „Kunst und Werk“ sollen die klassischen geisteswissenschaftlichen Bemühungen um Abgrenzungen konterkariert werden. Neu zu verhandeln wäre etwa das Verhältnis von Kunst als Prozess zum jeweiligen Resultat dieses Prozesses und seinem technisierten Kontext – der sich gegebenenfalls im „Werk“ immer schon mitausspricht. Dies eröffnet Anschlussstellen zu weiteren Problematisierungen in technikphilosophischer Absicht, etwa dem Verhältnis zum Handwerk (arts and crafts, Sennett u.a.), zur Frage des Kunstgewerbes (oder der Verkunstgewerblichung unserer Kultur) bis hin zum Kitsch in Kunst und Technik, zum Fetischcharakter von Kunstgebilden und technischen Produkten sowie – natürlich – der Dimension der Vermarktung, die überall im Spiel ist und auch (mit) bestimmt, was es mit der „Wirkung“ von Werken auf sich hat. 

Der Schwerpunkt wird gemeinsam mit der Zeitschrift für Technikgeschichte verantwortet, die dazu im Herbst 2020 einen korrespondieren CfP zirkulieren wird. Über den Schwerpunkt hinaus publiziert das Jahrbuch auch regelmäßig technikphilosophische Abhandlungen zu frei wählbaren Themen und Rezensionen einschlägiger Publikationen. Manuskripte in deutscher, englischer oder französischer Sprache können bis zum 15. Januar 2021 eingereicht werden und sollten nicht mehr als 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die Qualität der Abhandlungen sicher. Es besteht die Möglichkeit, bis zum 15. Oktober 2020 Themenskizzen (Abstracts) für Beiträge oder Kontroversen einzureichen, um vorab ein redaktionelles Feedback zu den Manuskriptvorschlägen zu erhalten.  

Einsendungen richten Sie bitte per E-Mail an die Redaktion: Mail to.

Call for Papers Yearbook Technikphilosophie/Philosophy of Technology 2022, vol. 8: Thematic Focus: „Art and Work“

The history of the Latin and Greek words ars and techné reminds us that art and technology have a common root and for a long time were not opposed to each other. Both refer to poeisis, the making of things or the construction of works. It is an interesting question for the history of technology and art how the art and craft of making things was divided into the “fine arts” on the one hand, the “mechanical arts” on the other hand. The thematic focus of the Yearbook does not dwell on this historical point. In contrast, it is concerned with the various relations of „art“ and „technology,“ that is, it seeks to interrogate and reflect  (1) their conceptual filiations, (2) their complementarities and mutual stimulations, and (3) contrasts and tensions. The very notion of the „work“ challenges us to explode or triangulate the dichotomy of art and technology. 

Under the heading „Art and Work“ we seek to question and subvert the various attempts by the humanities to differentiate the spheres of art and technology.  This includes fresh perspectives on the relation of art as a process to the product of this process in its technological context – which might be represented by the “work“. This connects to further problems in and for the philosophy of technology, such as the relation of arts and crafts (e.g., Sennett), the question of Kitsch or camp in art and technology, or the role of play as a basic modality of artful technical production. Finally, of course, comes design, packaging, marketing and the aesthetic effects of works. 

This thematic focus is shared between the Yearbook for the Philosophy of Technology with the journal for the History of Technology (Zeitschrift für Technikgeschichte) which will issue a corresponding call for papers. Beyond the thematic focus, the Yearkbook publishes contributions, book reviews, discussions on any topic in the philosophy of technology. Manuscripts in German, English, or French can be submitted until January 15, 2021, not exceeding 45,000 signs (including spaces). Quality is assured by way of a double-blind peer review process. Abstracts or thematic proposals can but need not be submitted until October 15, 2020, for initial feedback. 

Inquiries and submissions can be addressed by E-Mail to the editors: Mail to.

JTPhil 2020 „Autonomie und Unheimlichkeit“ erschienen

Das JTPhil 2020 ist erschienen. Der diesjährige Themenschwerpunkt widmet sich dem Verhältnis von „Autonomie und Unheimlichkeit“ in Bezug auf lernende Algorithmen, anthropomorphe Maschinen und selbststeuernde Systeme.

Ist die bisherige Debatte über autonome Systeme bisher vor allem auf ethische und rechtliche Problemstellungen fixiert, hat sich unser Themenschwerpunkt vorgenommen, die philosophische Diskussion um „autonome Technik“ auszuweiten. Im Zuge dessen versammelt unser sechster Band zugleich neue, technikphilosophische Beiträge zur Theorie des Unheimlichen. Mit Texten von Natascha Adamowsky, Bruno Gransche, Christian Voller, Lin Cheng, Walker Trimble und Klaus Mainzer.

Eine technikphilosophie-historische Reflexion auf die derzeit wieder aufflammende Faszination autonomer Technik bietet auch ein dialogischer Kommentar von Langdon Winner. Sein Buch Autonomous Technology erschien vor über 40 Jahren und verdeutlichte bereits im Untertitel, dass eine sich selbst-kontrollierende Technik immer schon eine technics out of (human) control ist. 

In unserem Archiv kann die Zeitreise fortgesetzt werden: mit einem Auszug aus Friedrich Pollocks Automation aus dem Jahr 1964, in dem der kritische Theoretiker hellsichtige Prognosen über die politischen Herausforderungen der Digitalisierung gestellt hat, die uns heute beschäftigen.

Neben den vielstimmigen Beiträgen zum Schwerpunkt zieht sich ein weiteres Thema durch den Band: In der diesjährigen Kontroverse diskutiert Andreas Kaminski mit Don Ihde über die Begründung postphänomenologischer Technikphilosophie. Ergänzt wird das Gespräch durch Sophie Loidolts Rezension von Robert Rosenbergers und Peter-Paul Verbeeks Sammelband Postphenomenological Investigations. Essays on Human-Technology Relations, in der auch die Frage stellt nach dem spezifischen Verhältnis zu deutschsprachigen und französische Phänomenologie aufgeworfen wird. Schließlich kommt in Alfred Nordmanns Rezension eines von Sacha Loeve, Xavier Guchet, Bernadette Bensaude-Vincent herausgegebenen Bands zur französischen Technikphilosophie eine weitere Spielart der Postphänomenologie zur Sprache.

In der Rubrik Abhandlung zeigt Philipp Richter in seiner Studie zur Erfindung der Schiffsuhr, wie sich Kants Begriff der ›Erfindung‹ als Veränderung von Handlungsschemata in Bezug auf ein System von Zwecken und Mitteln fassen lässt, woraus sich weitere Impulse für die Gestaltung einer Reflexion der ›Erfindung‹ autonomer Systeme gewinnen lassen.

Außerdem besprechen Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff das Buch von James Bridles: New Dark Age. Technology and the End of Future (London 2018), in dem der Autor davor warnt, wie kommerziell optimierte Feedbackschleifen in digitalen Plattformen allzu schnell ins ›Unheimliche‹ eskalieren können. Peter Remmers würdigt The Moral Status of Technical Artefacts (Dordrecht 2014) von Peter Kroes und Peter-Paul Verbeek (Hg.) als künftiges Standardwerk zur aktuellen technikphilosophischen und technikethischen Debatte über die verantwortliche Gestaltung neuer Technologien. Alexander Friedrich befasst sich mit den von Nicole C. Karafyllis (Hg.) vorgelegten Theorien von Lebendsammlungen (Alber 2018) und der damit verbundenen Frage, was für eine Art von Tätigkeit das ›Biobanking‹ eigentlich ist. Schließlich rezensiert Samuel Pedziwiatr das von Mark Coeckelbergh, Michael Funk und Stefan Koller herausgegebene Sonderheft der Zeitschrift Techné (22/2018) zu Wittgenstein and Philosophy of Technology – ein Thema, das schon im ersten Jahrbuch Technikphilosophie mehrfach zur Sprache kam.

Vier Glossen von Tom Poljanšek, Hildrun Lampe, Florian Heßdörfer und Jan Friedrich über unheimliches Spielzeug nehmen das Schwerpunktthema des Jahrbuchs noch einmal auf, das seinerseits von den künstlerischen Arbeiten Regina Silveiras durchzogen wird, deren Werke das Unheimliche gerade dann hervortreten lassen, wenn es aufgelöst erscheint.

Die Druckfassung des Buchs kann im Nomos-Shop bestellt werden. Die elektronische Publikation findet sich hier: https://doi.org/10.5771/9783748904861

Autonomie und Unheimlichkeit
Jahrbuch Technikphilosophie 2020
Herausgegeben von Alexander Friedrich, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski, Alfred Nordmann
6. Jahrgang, Baden-Baden: Nomos 2020

CfP: JTPhil 2020 – Unheimlichkeit und Autonomie // abgelaufen

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CfP Jahrbuch Technikphilosophie 2020: Unheimlichkeit und Autonomie

Überwindet Technik das unheimlich Unbeherrschbare? Oder wird sie uns selbst unheimlich? Zwei scheinbar widersprüchliche Narrative prägen die Geschichte und auch die Theorie der Technik: Das Narrativ der Entzauberung beschreibt, wie eine als fremd und gefährlich erfahrene Natur durch Verwissenschaftlichung und Technisierung gezähmt wurde. Das Narrativ der (Wieder)Verzauberung schildert, wie uns Artefakte und technologische Möglichkeiten unheimlich werden, insbesondere wenn sie sich zu verselbständigen scheinen oder mit »autonomem«Eigensinn gegenübertreten. In den heutigen Debatten um selbstlernende, ubiquitär verteilte, im Assistenzmodus unsichtbare, dabei opake Techniken schwingt das unheimliche Moment einer »Verselbständigung«von Technik mit – und trägt im Anschluss an die Mechanisierungs- und Automatisierungsdiskurse des 20. Jahrhunderts zur »Dämonisierung«der Technik bei. Technik macht Welt einerseits vertraut und nachvollziehbar: Paradigmatisch wird dies in der Idee, dass etwas dann verstanden wird, wenn es technisch rekonstruiert werden kann. Andererseits wird die technische Reproduktion von Welt – oder deren radikale Umgestaltung zu einer entfremdeten – als etwas Verstörendes erlebt. Spätestens, wenn Artefakte zu tun scheinen, »was sie wollen«oder technische Großsysteme die Lebenswelt nach ihren »Eigenlogiken«prägen, ist eine schon von Freud benannte Grenze erreicht, an der wir verunsichert werden, ob wir überhaupt noch in der modernen Welt leben.

Freilich beschränkt sich der Zusammenhang von Technik, Autonomie und Unheimlichkeit nicht auf die befremdliche oder erschreckende Anmutung von Artefakten. »Die Kluft zwischen Wissen und Können ist vielleicht grösser, auch unheimlicher als man denkt«, notiert Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse. Günther Anders weitet dies auf die Schere zwischen dem Vorstellbaren und dem Machbaren aus, wonach das Machbare hinter die Vorstellungskraft zurückfallen kann – und umgekehrt das Vorstellen hinter das Herstellen. Wie das schiere, blinde Können unheimlich sein kann, führen auch Filme und literarische Werke vor, in seinem technikphilosophisch inspirierten Roman Der Unbesiegbare (Niezwyciężony,1964) beispielsweise Stanisław Lem. Als unheimlich kann darüber hinaus sowohl eine Perfektion der Mittel als auch ihr Überschuss wirken, siehe hierzu schon den Mythos des Prometheus oder das Chorlied in Sophokles’ Antigone »Ungeheuer ist vieles, nichts aber ungeheurer als der Mensch«.

Schließlich soll Technik »innovativ« sein und verpflichtet sich auf das unerhört Neue mit der Behauptung einer eigenlogischen Entwicklungstendenz zu autonomen (und somit: disruptiven, transformativen) Technologien. Neuheitspostulate sind in der Sache interessant – vielleicht ist etwas daran? Gleichwohl produzieren beispielsweise auch alarmistische Neuheits-Narrative ihrerseits Unheimlichkeiten und Unsicherheiten. Und diese werden womöglich strategisch gestaltet. Im Namen einer vorgeblich durch Technik bedrohten Autonomie sehen wir – gerade als Technikkritiker*innen – uns dann durch eine ›unheimliche Reflexion‹ zum Handeln gezwungen.

Für den so umschriebenen Themenkomplex stehen die Titelwörter des Schwerpunkts Unheimlichkeit und Autonomie im Jahrbuch Technikphilosophie 2020. Der Schwerpunkt wird gemeinsam mit der Zeitschrift für Technikgeschichte verantwortet, die dazu im Herbst 2018 einen korrespondieren CfP zirkulieren wird. Auf Seiten des JTPhil sind sowohl systematische als auch historische Ansätze mit philosophischer Fragestellung willkommen. Manuskripte in deutscher, englischer oder französischer Sprache können bis zum15. Januar 2019 eingereicht werden und sollten nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die Qualität der Abhandlungen sicher. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer kurzen Themenskizze (Abstract) bis zum1. Oktober 2018erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback.

Einsendungen richten Sie bitte per E-Mail an die Redaktion: jahrbuch AT phil PUNKT tu-darmstadt.de.

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CfP Jahrbuch Technikphilosophie 2020: Autonomy and the Uncanny

Does technological control take the place of what appeared uncannily uncontrollable? Or is it itself becoming uncanny? Two seemingly contradictory narratives shape the history and theory of technology. The narrative of disenchantment describes how nature, experienced as foreign and dangerous, was tamed by becoming scientific and mechanized. Second the narrative of (re-)enchantment recounts how artifacts and technological possibilities become uncanny, especially by way of their seeming independence and by confronting us with an »autonomous« logic of their own. In today’s debates about self-learning, ubiquitous, invisible and opaque technologies, the uncanny moment resonates of a technology with »a life of its own«. Following upon the mechanization and automation discourses of the 20th century, this contributes to the »demonization« of technology. On the one hand technology makes the world familiar and comprehensible, e.g., by equating understanding with technical reconstruction. On the other hand, the technical reproduction of the world – or its radical transformation into an alienated one – is experienced as something disturbing. When artifacts appear to do »what they want« or when large technical systems shape the world according to their »own logic«, a limit is reached that was already mentioned by Freud – we become uncertain whether we are still living in the modern world at all.

To be sure, the linkages between technology, autonomy and the uncanny are not limited to the strange or frightening appearance of artifacts. »The chasm between knowing something and being able to do it is perhaps even greater and more uncanny than it is generally thought to be«, wrote Nietzsche in Beyond Good and Evil. Günther Anders extends this to the gap between what can be imagined and what produced, according to which what is actually produced can fall behind the imagination – and vice versa, imagination can fall behind production. How even sheer, blind capability can be uncanny is demonstrated in films and literary works, as in Stanisław Lem’s technology-philosophically inspired novel The Invincible(Niezwyciężony, 1964). Moreover, both the perfection of the means and their excess can seem uncanny, see the myth of Prometheus or the choral song in Sophocles’ Antigone: »Manifold is the uncanny, yet nothing / beyond the human being prevails more uncannily«.

Finally, technology is meant to be »innovative« and thus promises unheard-of novelty, subscribing to the notion of an inherent tendency toward ever more autonomous (and thus ever more disruptive, transformative) technologies. Claims of novelty are interesting in this matter – maybe there is something to them? At the same time, alarmist narratives of novelty serve to produce, perhaps strategically, uncanniness and uncertainty. In the name of autonomy, allegedly threatened by technology, we engage – especially as critics of technology – in ›uncanny reflection‹ and conceive of action from there.

The title words Uncanniness and Autonomy stand for this thematic constellation of the special issue of the Jahrbuch Technikphilosophie 2020 (JTPhil). It will be coordinated with the Zeitschrift für Technikgeschichte which will announce a corresponding call in autumn 2018. On the part of JTPhil, systematic and historical approaches from a philosophical point of view are welcomed. Manuscripts in German, English or French can be submitted until 15 January 2019 and should not exceed 33,000 characters (including spaces and notes). A double-blind peer review process ensures the quality of the papers. Before submitting a manuscript, please send us a short abstract by October 1, 2018. This is followed by initial editorial feedback.

Please send your submissions by e-mail to the editorial office: jahrbuch AT phil DOT tu-darmstadt.de.

JTPhil 2018 „Arbeit und Spiel“ erschienen

Der 4. Jahrgang des Jahrbuchs ist erschienen, diesmal mit dem Schwerpunkt: „Arbeit und Spiel“.

Aus den Editorial:

Spiel und Arbeit gelten als Gegensätze: Das Spiel als freie Betätigung menschlicher Vermögen, die Arbeit als deren Subordination unter einen äußeren Zweck. Die Festlegung des Spiels auf das Konsequenzlose und bloß Luxurierende hat ihm den Ruf des Unernsten eingetragen, während das Abzwecken der Arbeit auf die Nützlichkeit ihres Resultats im Bund mit der Sorge ums Dasein steht. In der Fortschreibung dieser beiden Linien hat man das Spiel wie die Arbeit mit den Begriffen homo ludens und homo faber zu verschiedenen Charakterisierungen der conditio humana nobilitiert. Auch in Bezug auf das in ihnen realisierte Verhältnis von Mittel und Zweck scheinen beide Tätigkeiten auf den ersten Blick gut uterscheidbar: Ist in einem Arbeitsprozess der Zweck gesetzt, für den die geeigneten Mittel gesucht, eingesetzt und optimiert werden, so erlaubt das Spiel bei gegebenen Mitteln eine freie Suche, Variation und Erprobung möglicher, noch unbekannter Zwecke.

Auf den zweiten Blick scheint der Gegensatz jedoch gerade in den entwickeltsten Ausprägungen beider Tätigkeitsformen zu verschwinden. So kann eine hochgradige Rationalisierung von Spielpraktiken in Arbeit umschlagen, wie etwa im Leistungs- oder eSport. Oder ein komplexer Arbeitsvorgang kann selbstzweckhafte, explorative, gestalterische Momente und Eigendynamiken gewinnen, die ihm Spielcharakter verleihen. Auch ein hohes Maß an Verregelung, elaborierte Risikostrategien oder die Aussicht auf Verlust und Gewinn können beide Handlungsformen einander fast ununterscheidbar ähnlich werden lassen.
Starke Rationalisierung oder hohe Komplexität von Regeln bedürfen wiederum oft elaborierter Techniken, um eine entsprechende Rationalität und Komplexität der fraglichen Prozessformen zu erlangen, zu sichern, zu befolgen, zu perfektionieren, zu unterlaufen oder zu modifizieren. Diese Techniken eröffnen ihrerseits neue Spielräume. Das mag gerade an der Spieltheorie, die selbst eine Entscheidungstechnik ist, und darauf beruhenden technischen Anwendungen wie etwa Finanzsimulationen oder leistungsbezogenen Anreizsystemen in kollaborativen Beschäftigungsverhältnissen besonders sinnfällig werden. Auch andere technologische Entwicklungen geben Anlass dazu, das Verhältnis von Spiel und Arbeit noch einmal grundsätzlich zu bedenken, etwa im Hinblick auf: adaptive Systeme in der Robotik, serious games, Kreativitätstechniken in Unternehmenskulturen, wissenschaftliche Experimentalanordnungen, Online-Rollenspiele oder die Kommodifizierung nicht-zweckrationaler Lebensvollzüge, die traditionell vom Begriff produktiver Arbeit ausgeschlossen waren. Die Beschaffenheit der jeweils zum Einsatz kommenden Mittel und Verfahren, die Setzung, Variation oder Preisgabe von Zwecken sowie die Art der subjektiven oder kollektiven Bezugnahme auf die jeweiligen Tätigkeiten können den Cha-rakter von Spiel und Arbeit sowie ihr Verhältnis zueinander bestimmen oder verändern. Dies ist umso mehr der Fall, als unter die Klasse potentieller Spieler und Arbeiter nun auch noch simulierte Akteure und Roboter zu zählen sind, die die Problematik mit Fragen wie »Können Computer wirklich spielen?« oder »Arbeiten Roboter tatsächlich?« eher noch verkomplizieren.

Die in dem diesjähigen Schwerpunkt versammelten Beiträge tragen in sehr unterschiedlicher Hinsicht zu einer Reflexion jener Bewegung bei, in die das Dreieck von Spiel, Arbeit und Technik auf die eine oder andere Weise geraten ist.

Inhaltsverzeichnis

 

Nachruf
Mehr als ein Technikphilosoph – Zum Tode von Günter Ropohl

Schwerpunkt

Stefan Meißner
Arbeit und Spiel – mit Technik neu bestimmt

Oliver Laas
Instrumental Play

Florian Heßdörfer
Das Spielgeld der Pädagogik. Freiheit, Zwang und Arbeit in der Pädagogisierung des Spiels um 1900

Felix Raczkowski
Play, Work and Ritual in Gamification

Christian Klager
Die Ethik des Als-ob. Video- und Computerspiele als technische Sphären der Ethik

Nicole J. Saam und Alexander Schmidl
»A distinct element of play«. Scientific computer simulation as playful investigating

Francesco Amigoni and Viola Schiaffonati
Robotic competitions as experiments: From play to work

G. Günter Voß
Arbeitende Roboter – Arbeitende Menschen. Über subjektivierte Maschinen und menschliche Subjekte

Wolfram Ette
Kosmos Herakles. Zu einer Erzählung Alexander Kluges

Markus Rautzenberg
Einübung ins Ungewisse

Abhandlungen

Christoph Hubig
Der Deus ex Machina reflektiert. Ernst Kapps Technik-Anthropologie zwischen Thomas von Aquin, Hegel
und Latour

Jan C. Schmidt
Die Selbstoptimierung des Selbst. Zur Technikphilosophie des Neuroenhancements

Andreas Kaminski, Michael Resch und Uwe Küster
Mathematische Opazität. Über Rechtfertigung und Reproduzierbarkeit in der Computersimulation

Alfred Nordmann
Four Horsemen and a Rotten Apple. On the Technological Rationality of Nuclear Security

Archiv

Alexander Kluge
Heiner Müller und »Die Gestalt des Arbeiters«

Diskussion

Nicole C. Karafyllis
Homo faber revisited: Eine philosophische Bestandsaufnahme der ›Machbarkeit‹.
Rezension zu: Hans Poser: Homo Creator. Technik als philosophische Herausforderung, Wiesbaden 2016.

Hildrun Lampe
Modellieren: Ansätze für die Grundlegung zu einer interdisziplinären Praxis
Rezension zu: Bernhard Thalheim und Ivor Nissen (Hg.): Wissenschaft und Kunst der Modellierung. Kieler Zugang zur Definition, Nutzung und Zukunft, Berlin, Boston 2015.

Pieter Lemmens
Transductive reticulation: How to reflect on digital thinghood.
Review of: Yuk Hui: On the Existence of Digital Objects, University of Minnesota Press, Minneapolis, 2016.

Kontroverse

Technikhermeneutik: Ein kritischer Austausch zwischen Armin Grunwald und Christoph Hubig

Kommentar

Petra Gehring
Digitalissimo humanissimo! »Die DH« zwischen Marke und Methodik

Glosse

Andreas Brenneis
Unboxing

Das Jahrbuch kann beim Verlag als Druckwerk bestellt oder in der Nomos-eLibrary digital bezogen werden.

Alexander Friedrich, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski, Alfred Nordmann (Hrsg.): Jahrbuch Technikphilosophie 2018. Arbeit und Spiel, Baden-Baden: Nomos 2018, in Gemeinschaft mit Edition Sigma. 376 S., broschiert, 39,90€. ISBN print: 978-3-8487-4279-0, ISBN online: 978-3-8452-8542-9, DOI: 10.5771/9783845285429-1.

CfP: JTPhil 2019 – Steuern und Regeln // abgelaufen

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CfP Themenschwerpunkt 2019: „Steuern und Regeln“

Unter der Leitdifferenz „Steuern – Regeln“ (ähnlich „Steuern – Sichern“) werden in der herkömmlichen Technik­philosophie die beiden Operationsmodi „klassischer“ Technik gefasst und beschrieben. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht: zum einen in der Absicht, die sich seit der neolithischen Revolution ausprägende menschliche Technik im Unterschied zur „Zufallstechnik“ (Ortega y Gasset) höherer Spezies oder der Urmenschen zu spezifizieren; zum anderen mit dem Ziel, das Verhältnis von Technik und (Natur-)wissenschaft genauer freizulegen. Indessen fordern aktuelle Technologien, historische Zustandsbeschreibungen einer „Technoscience“ sowie neue epistemische Praktiken die Zweiteilung von „Steuern“ und „Regeln“ heraus.

1974 hat W. R. Ashby kanonisch formuliert, durch „eine perfekte Regelung“ werde „eine perfekte Steuerung (Bestimmung des Ergebnisses durch den Steuerungsakt) möglich“. Regelung wird hier als „ausgearbeitete Gegenaktion“, als „Blockierung des Flusses der Vielfalt von Störungen zu den Variablen des Systems“ charakterisiert. Dabei unterscheidet Ashby zwischen einer „statischen Verteidigung“ (einem Containment als Abschottung von Stör­größen), Konzepten einer in den Systemen implementierten „Reaktion auf Bedrohung“ („Störgrößenaufschaltung“ nach DIN 19226) sowie einer „Regelung durch Abweichung“ („Kopplung zwischen zwei Steuerungs­prozessen/Steuerung des Reglers über die Differenz Ist-Soll-Größe“ nach DIN). Es geht also um die Gewährleistung von Erwartbarkeit, Wieder­holbarkeit, Planbarkeit, Antezipierbarkeit gelingenden Steuerns durch die Ausschaltung von Störgrößen. In der „Steuerung“ und „Sicherung“ hat auch Heidegger die „Hauptzüge“ der modernen Technik ausgemacht; Natur werde dadurch zum „Bestand“, über den in einer Weise verfügt werden kann, die nicht mehr – wie die Zufallstechnik – den Widerfahrnissen und Geschenken der Natur ausgeliefert ist. Fast alle Genealogien von Technik zeichnen ein vergleichbares Bild einer dramatischen Eskalation des „Steuerns“ und der (Selbst-)Regulierung in der Technikentwicklung. Sieht man von einigen archaischen Vorläufertendenzen ab, so tritt in der neolithischen Revolution (Anlage von Äckern und deren Bewässerung, umhegte Viehzucht, elementare Infrastrukturen fester Siedlungen, des Verkehrs, der Kommunikation etc.) zutage, wie sich der Mensch partiell von Fährnissen der äußeren Natur unabhängig macht. Neben diesen Realtechniken sind entsprechende Intellektual- und Sozialtechniken erforderlich, wie sie die mythische Figur der Athene verkörpert. Liegt also tatsächlich im Schritt vom Steuern zum Regeln eine entscheidende moderne Qualität?

Naturwissenschaft klassischer Ausprägung ist für ihre Suche nach gesetzmäßigen Zusammen­hängen zwischen Parametern auf deren Idealisierung durch Ausschalten von kontingenten Störgrößen angewiesen, also auf das Experimentieren in technischen Systemen (Bacon spricht von „vexatio naturae artis“: technischer Verzerrung der Natur). Erträge einer solchen interventionistischen Natur­wissenschaft können eine technische Anwendung finden. Etwa dann, wenn vergleichbare Rand­bedingungen garantiert werden, wie sie in den technisch verfassten Experimenten gegeben sind. Technik erscheint auf diese Weise als angewandte Wissenschaft, weil Forschung bereits angewandte Technik ist, wie Husserl es vielfach herausgearbeitet hat.

Mit Blick auf sogenannte „new emerging sciences and technologies“ (NEST), und andere Entwicklungen im Bereich der Informations-, Kognitions-, Nano- und Biotechnologien, kann nun zurecht gefragt werden, wer oder was als Subjekt von Steuerungs- und Regelungsprozessen konzeptualisiert werden kann. Ferner scheinen die Grenzen zwischen beiden Operationsmodi zu verschwimmen, sofern selbstorganisier­ende Systeme Mehrebenen-Systeme von Steuerungsalgorithmen in regelnder „Absicht“ hervorbringen und umgekehrt die Bilanzierung eines Gelingens von Steuerung die Regelarchitekturen selbst verändert („maschinelles Lernen“) . Zugleich lassen sich analoge Effekte im Felde epistemischer Praktiken registrieren, welche Ideale und Standards klassisch-experimenteller Forschung bewusst zu überschreiten suchen: Indem man den klassischen Weg einer Forschung, die epistemische Gegenstände zu technischen Objekten macht, hinter sich lässt, werden epistemische Dinge bewusst dahingehend inszeniert, dass sie störungsoffen und in ihrem Prozessieren irritierbar sind, um auf diese Weise ihre Relationierung und Vernetzung mit Faktoren einer noch unbekannten Umwelt zu eruieren, die neue epistemische Gegenstände generiert. Auch hier scheint die alte Leitdifferenz von Steuern und Sichern obsolet zu werden, da Überraschung intendiert ist und nicht mehr als Störfaktor gilt.

Umgekehrt werden im Kontext großtechnischer Systeme sowie der Organisation großer sozialer Gebilde und Zusammenhänge die Möglichkeiten einer Steuerung problematisch, und zwar in doppelter Hinsicht: zum einen scheinen insbesondere digitale Informations­techno­logien neue, vielfältige Optionen zur Mani­pulation und Regulation von Prozessen oder Zuständen zu eröffnen (z.B. Monitoring, Big Data, Profiling), zum anderen scheinen gegen­läufige Konsequenzen derselben Entwicklung (z.B. Datenflut, Akzeleration, Automatisierung, ‚Eigenlogik’ soziotechnischer Infrastrukturen) die Möglich­keiten einer koordinierten Steuerung zunehmend in Frage zu stellen. Auch hier stellt sich die Frage, wer oder was als Subjekt von Steuerungs- und Regelungsprozessen adressiert werden kann oder werden soll.

Erbeten werden Beiträge, die das Thema Steuern und Regeln im Hinblick auf neue technik­philo­sophische Herausforderungen adressieren oder die klassischen Konzepte auf eine neue Weise befragen.

Neben dem geplanten „Themenschwerpunkt“ gibt es eine offene Sektion „Abhandlungen“, in der die verschiedensten Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem „Rezensionsteil“ werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen, und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert. Das Jahrbuch erscheint seit seinem 3. Jahrgang in der Edition Sigma des Nomos Verlags. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden.

Manuskripte für Schwerpunktbeiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2018 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 35.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persönlichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf einem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2017 (ca. eine halbe bis max. zwei Seiten) erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, das auch alle Informationen zur formalen Textgestaltung enthält. Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per E-Mail an die Redaktion.

 

Call for Papers 

Thematic Focus 2019: „Command and Control“

As cybernetic credo and seemingly confident assertion of technological prowess, „command and (regulatory) control“ conjoins the two distinct modes of operation of „classical“ technology. These two modes have been taken up in at least two ways by the philosophy of technology. Originating with the Neolithic revolution, the interplay of command and regulatory control serves to distinguish specifically human technology from the „accidental technology“ (Ortega y Gasset) of other higher species. Moreover and perhaps more fruitfully, the modes of command and regulatory control afford a precise characterization of the relations between science and classical technology. Contemporary emerging technologies require a historical assessment of „technoscience“ along with an analysis of new epistemic practices that call into question the separate modes of command and regulation or control.

W. Ross Ashby provided the canonical statement that „perfect regulation of the outcome by R makes possible a complete control over the outcome by C” (1957, 214). Regulation is understood as “counter-action” as the regulator “blocks the flow of variety from disturbances to essential variables” (1957, 204).  Ashby here distinguishes between the “passive block” of a tortoise shell and skilled counter-action by way of the “static defence” of a fencer. All this revolves around the affordance of expectation and anticipation, reproducibility and planning through the exclusion of perturbations of confounding variables. Along these lines, Martin Heidegger also considered as one of the main characteristics of modern technology „Steuerung (command)“ und „Sicherung (securing through regulation).“ This renders nature a Bestand (resource, „standing-in-reserve“) that can be disposed of in a way that is no longer – as opposed to accidental technology – subject to the contingencies or gifts of nature. Indeed, most genealogies of technology provide a similar picture of a dramatic escalation of the power to command along with the (self-)regulation of technology. The Neolithic revolution (the creation of fields and their drainage systems, stock farming, elementary infrastructures of settlements, traffic, and communication) brought to light how humans achieve some degree of independence from the vagaries of nature.  These material technologies require corresponding intellectual and social technologies which are embodied in the mythic figure of Athena. Accordingly, one might ask whether there is really a specifically modern quality in the move from command to regulatory control.

Natural science, classically conceived, seeks lawful connections among parameters by way of idealization and the exclusion of contingent variables. It thus depends on experimentation in technical system or, as Francis Bacon pointed out already, a technical distortion of nature. The findings of this interventionist science can be applied technologically, for example, by implementing constraints that are comparable to those in the technologically designed experiments. Thus, technology appears as applied science because science is applied technology as Husserl has shown repeatedly.

With a view towards the so-called „new and emerging sciences and technologies“ (NEST) and other developments in the field nano- and biotechnologies, in information and cognitive science, one might ask how the subject of command and control processes can be conceived. Moreover, the boundaries between the two modes of operation appear to blend, insofar as self-organizing systems induce command algorithms with the “intent” of regulating behavior, and insofar by way of “machine learning” regulatory success alters the command architecture. At the same time, one can notice analogous effects in the field of epistemic practices that seek to transcend the standards and ideals of classical experimental science. One leaves behind the classical path of research leading from epistemic to technical objects. Instead, epistemic things are directed to be open to perturbation in order to explore their relation to factors of a yet-unknown environment, and thus to generate new epistemic objects. Here again, the former guiding distinction of command and control appears to become obsolete since surprise is intended and is not considered a perturbation.

By way of another inversion, the option of regulatory control becomes doubly problematic in the context of large technical systems and large social constellations. First, digital information technologies provide multiple ways of manipulation and regulating states and processes (e.g. monitoring, big data, profiling). Second, there are opposing consequences of the same development which render increasingly doubtful the possibility of deliberate and coordinated command (e.g. data glut, acceleration, automation, internal developmental logics of sociotechnical infrastructures). Again this raises the question who or what can or should be addressed as the subject of command and control processes.

The Jahrbuch Technikphilosophie is looking for contributions that take up the theme of Command and Control with a view of contemporary philosophical challenges or that bring new questions to classical conceptions. The yearbook will be published in print and digitally by Nomos (jtphil.nomos.de). Contributions may be written in German, English, or French. Manuscripts dealing with “Regulation, Command and Control” should be submitted by January 15, 2018 and should not be longer than 35,000 characters. Articles will be subject to double-blind peer review. Personal information should only appear on the cover page of the manuscript in order to ensure anonymity. Prior to submitting a manuscript and before the date of October 1st, 2017, authors are invited to send in a working title and rough sketch of their proposed contribution. Subsequently, authors will receive preliminary feedback from the editors, together with further information regarding formatting. Please direct contributions, proposals, and inquiries to the editors via Email

CfP: JTPhil 2018 – Arbeit und Spiel // abgelaufen

Spiel und Arbeit gelten oft als Gegensätze: Das Spiel als freie Betätigung menschlicher Vermögen, die Arbeit als deren Subordination unter einen äußeren Zweck. Die Festlegung des Spiels auf konsequenzlose Wiederholbarkeit hat ihm den Ruf des Unernsten eingetragen, während das Abzwecken der Arbeit auf die Nützlichkeit ihres Resultats im Bund mit der Sorge ums Dasein steht. Jenseits ihrer Reduktion aufs Unernste und Unfreie sind Spiel wie Arbeit mit den Begriffen homo ludens und homo faber zu Charakterisierungen der conditio humana nobilitiert worden. Auch in Bezug auf das in ihnen realisierte Verhältnis von Mittel und Zweck scheinen beide Tätigkeiten auf den ersten Blick gut unterscheidbar: Ist in einem Arbeitsprozess der Zweck gesetzt, für den die geeigneten Mittel gesucht, eingesetzt und optimiert werden, erlaubt das Spiel bei gegebenen Mitteln eine freie Suche, Variation und Erprobung möglicher, noch unbekannter Zwecke.

Auf einen zweiten Blick scheint dieser Gegensatz jedoch, gerade in den hochentwickeltsten Ausprägungen beider Tätigkeitsformen, zu verschwinden. So kann eine hochgradige Rationalisierung von Spielpraktiken in Arbeit umschlagen, wie etwa im Leistungssport, oder ein komplexer Arbeitsvorgang selbstzweckhafte Momente und Eigendynamiken gewinnen, die ihm Spielcharakter verleihen. Auch ein hohes Maß an Verregelung, elaborierte Risikostrategien oder die Aussicht auf Verlust und Gewinn können beide Handlungsformen einander fast ununterscheidbar ähnlich werden lassen.

Hochgradige Rationalisierung (wie im Leistungssport) oder hohe Komplexität von Regeln (wie in avancierten Arbeitsprozessen) verlangen wiederum oft elaborierte Techniken, um diese zu erlangen, zu sichern, zu befolgen, zu perfektionieren, zu unterlaufen oder zu modifizieren. Und diese Techniken eröffnen ihrerseits neue Spielräume. Das mag gerade an der Spieltheorie (selbst bereits eine Entscheidungstechnik) und darauf beruhenden technischen Anwendungen wie etwa Finanzsimulationen oder leistungsbezogenen Anreizsystemen in kollaborativen Beschäftigungsverhältnissen besonders sinnfällig werden. Auch andere technologische Entwicklungen geben Anlass dazu, das Verhältnis von Spiel und Arbeit noch einmal grundsätzlich zu bedenken, etwa im Hinblick auf: adaptive Systeme in der Robotik, serious games, Kreativitätstechniken in Unternehmenskulturen, wissenschaftliche Experimentalanordnungen, Online-Rollenspiele oder die Kommodifizierung nicht-zweckrationaler Lebensvollzüge, die traditionell vom Begriff produktiver Arbeit ausgeschlossen waren – einschließlich der Spielräume, die durch neue Umwelt- und Biotechniken erschlossen werden. Die Beschaffenheit der jeweils zum Einsatz kommenden Mittel und Verfahren sowie die Setzung, Variation oder Preisgabe von Zwecken können den Charakter von Spiel und Arbeit sowie ihr Verhältnis zueinander bestimmen oder verändern.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2018 lädt dazu ein, Beiträge zum Schwerpunktthema Arbeit und Spiel einzureichen. Zur Erkundung, Erörterung und Diskussion der philosophischen Aspekte des spannungsreichen Dreiecks von Technik, Spiel und Arbeit können:

  • theoretische und aktuelle Probleme der Begriffe adressiert,
  • exemplarische Fallstudien zu historischen oder zeitgenössischen Konstellationen ihres Zusammenhangs vorgestellt,
  • Interventionen in einschlägige Diskurse und Kontroversen vorgenommen oder
  • Überlegungen zu möglichen zukünftigen Entwicklungen angestellt werden, die sich in diesem Dreieck abspielen.

Ziel und Anliegen des Jahrbuchs ist eine Zusammenführung aktueller technikphilosophischer Debatten in einem gemeinsamen und weithin sichtbaren Forum. Anspruch ist es, das gesamte Spektrum der Auseinandersetzung zu repräsentieren und aktuelle Thesen, Ansätze und Forschungslinien zum Thema abzubilden.

Neben dem jeweiligen Themenschwerpunkt gibt es eine Sektion Abhandlungen, in der sämtliche Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem Rezensionsteil werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen, und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert.

Das Jahrbuch erscheint mit dem 3. Jahrgang in der Edition Sigma des Nomos Verlags. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die hervorragende Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden. Manuskripte für Schwerpunktbeiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2017 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persönlichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf einem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2016 (ca. eine halbe bis max. zwei Seiten) erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, mit dem alle weiteren Informationen zur formalen Textgestaltung mitgeteilt werden.
Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per Mail an die Redaktion.

CfP JTPhil 2017 – Technisches Nichtwissen // abgelaufen

Das Nichtwissen ist in aller Munde. Von Nichtwissenskulturen in der zweiten oder reflexiven Moderne ist die Rede, von Agnotologie als neuem Forschungszweig, von wicked problems und ihren clumsy solutions. Wo Nichtwissen sich durch Komplexitäts­steigerung unwiderruflich im zu Wissenden einnistet, fordert es als Grenze, Schranke und Kehrseite des Wissens die sogenannte Wissensgesellschaft heraus. Vor allem Risiko­poten­tiale und Gefahren kommen hier in den Blick, von denen wir gerade genug wissen, um Wissensansprüche zu formulieren, die sich womöglich nie einlösen lassen.

Das klassisch erkenntnistheoretische Problem: „Was können wir wissen?“ steht heute in einem Spannungsverhältnis zu der wissenspolitischen Frage: „Was müssen wir wissen?“ Was wir wissen müssen, ist einerseits so viel wie nötig, wenn es um Fragen von Sicherheit und Gesundheit geht – andererseits aber so wenig wie möglich, wenn es in Alltag, Wirtschaft oder Wissen­schaft darauf ankommt, Wissen an technische Systeme oder Expertenkulturen zu delegieren.

Bezeichnet politisch handlungsorientiertes und wissenschaftliches Nichtwissen zunächst ein Defizit, ist technisches Nichtwissen gleichermaßen erstrebenswert und problematisch. Einige, die Technik für angewandtes Wissen halten, mögen darin eine contradictio in adjecto sehen, manche sich um eine dem technischen Nichtwissen geschuldeten Technik­feindlichkeit sorgen, andere daraus die nötige Demut gegen verstiegene Allmachts­phantasien beziehen, während ihre Gegenspieler von Maschinen träumen, die über den Horizont intellektueller Nachvollziehbarkeit immer weiter hinauseilen.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2017 lädt dazu ein, Beiträge zum Schwerpunktthema „Technisches Nichtwissen“ einzureichen. Ziel und Anliegen des Jahrbuchs ist eine Zusammenführung aktueller technikphilosophischer Debatten in einem gemeinsamen und weithin sichtbaren Forum. Anspruch ist es, das gesamte Spektrum der Auseinander­setzung zu repräsentieren und aktuelle Thesen, Ansätze und Forschungslinien zum Thema abzubilden. Neben dem jeweiligen „Themenschwerpunkt“ gibt es eine Sektion „Abhandlungen“, in der sämtliche Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem „Rezensionsteil“ werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert.

Das Jahrbuch erscheint bei diaphanes und wird von einem digitalen Pendant um aktuelle und kleinere Beiträge ergänzt. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die hervorragende Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden. Manuskripte für Schwerpunkt­beiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2016 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persön­lichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf dem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung eines vorläufigen Titels mit einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2015 erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, mit dem alle weiteren Informationen zur formalen Textgestaltung mitgeteilt werden. Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per Mail an die Redaktion: Mail to.

JTPhil 2016: Themenschwerpunkt »List und Tod«

Technik, List und Tod: ein Dreieck, das selbst in der Philosophie die Koordinatensysteme durcheinan­der bringt. Als indirekter Modus, als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung, als Gewinnung von Vortei­len angesichts überlegener Mächte ist Technik ebenso eng gebunden an die ‒ dubiose? bravouröse? ‒ Vernunftform der »List« wie an die (Be-)Drohung mit dem Tod. Wie beim listigen Odysseus, den die Literatur als »Techniten« attribuiert, kann, den Tod zu vermei­den, ein Ziel der List und von Technikeinsatz sein. Aber auch, den Tod zu geben: Zwar spricht die Techniktheorie lieber über die Erfindung des Rades, den Hammer und den Lichtschalter, aber eine Grundform des Werkzeugs ist die Waffe. Und lässt sich Technikeinsatz wiederum anders denken denn im Milieu strategischer – und also listiger ‒ Rationalität?

Dabei sind es nicht nur Fallensteller, Verführer, Strategen und Intriganten, die eine Allianz aus Tech­nik, List und Tod zu schmieden verstehen. Neben die Kriegslist tritt die Friedenslist als indirekter Modus und somit allgemein für Technik  als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung.

Die klassische Technikphilosophie charakterisiert Technik daher als »Umweg« (Sachsse, Popitz u.a.) oder auch als »List der Vernunft«, die die Mittel »vor- und dazwischenschiebt« (Hegel, Marx). Dies geschieht auch und gerade, um schädliche Folgen den Mitteln anzulasten bzw. die Subjekte zu ent­lasten, die nur das Ziel einer Technik verantworten wollen. Wie bei Ikarus und Dädalus kann sich gleichwohl die List der Technik selbst überlisten, ihr inhäriert die Logik der Inkaufnahme von Zwischenfällen, Unfällen, vulgo: »Risiken«, mit denen moderne Gesellschaften zu Verantwortungs­produzenten eines neuen Typs geworden sind: Die Zukunft muss Sicherheitsversprechen einlösen, auf deren bis dato noch nicht absehbare Einlösbarkeit wir, dank der List der Prognose, mit unseren heutigen Technologien bereits gewettet haben ‒ um einen potenziell tödlichen Preis. Selbst im Spiel, einem Grenzfall des Technischen, steigern sich Listenreichtum und das Wissen um Endlichkeit gegen­seitig: Jedes Spiel ist ein Spiel ums große »Aus«.

Die kulturkritische Großmetapher von der »Tödlichkeit« moderner Technik bedient sich metapho­risch aus diesem Fundus: Nicht wenigen Technikphilosophien zufolge leben wir in der Epoche einer gleichsam endgültigen, heimtückisch gewordenen Technik. Ein paradoxer Prometheus wäre hier Bürger, Technikkonsument, Nutznießer, mehr aber Sklave und Opfer einer »Apokalypse ohne Reich« (Günter Anders) oder einer »Thanatokratie« (Michel Serres). Ganz besonders mag sich das im Feld der sogenannten Biotechniken zeigen. Sie bewirtschaften »Leben« ‒ und einen zunehmend in technogene Zwischenzustände hinein sich auflösenden Tod.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2016 geht Problemen neuer Kriegstechnologien ebenso nach wie den skizzierten generalisierenden Kulturdiagnostiken: Tödlichkeit und auch List(igkeit) als Zuschrei­bungen, die das Technische schlechthin – wie auch epochentypisch ‒ fassen. Die Technisierung der Grenze von Tod und Leben rücken wir hier bewusst hinzu, sie trägt sich in beide Register ein. Anders gesagt: Im Schwerpunkt werden ganz heterogene Bereiche der Philosophie durchquert: von der praktischen (»List«/»Lüge«, »Sterben«, »Technikethik«) bis zur theoretischen (»List«/»Spiel«), von der existentiellen (»Tod«) bis zur politischen (»Waffe«, »Biopolitik«) und zur Epistemologie (des Technischen, von Kulturkrise/Modernekritik, von »Leben«/»Tod«).

Was die Leser erwartet, sind jeweils nicht direkte Verbindungen zwischen drei Punkten, sondern Versuche einer Triangulation der Extreme.

Inhalt

  • Editorial

Schwerpunkt

  • Monika Schmitz-Emans: Der Tod und die Umwege. Über Erzähltechniken und Erzählerlisten in Labyrinthgeschichten
  • Alexander Friedrich: Die Vergänglichkeit überlisten. Leben und Tod in kryogenen Zeitregimen
  • Christine Blättler: Ewiger Prometheus, lange Schatten Gottes und die Listen der List. Über mythologische, eschatologische und formale Szenarien moderner Technik
  • Jan Friedrich: Köder, Falle und die List des Tricksters
  • Andreas Kaminski, Björn Schembera, Michael Resch, Uwe Küster: Simulation als List
  • Kai Denker: Spuren des Tötens. Die List im Drohnenkrieg
  • Sandro Gaycken: Technik, List und Tod aktuell. Ein Kommentar zur militärischen Dimension der List

Abhandlungen

  • Gabriele Gramelsberger: Figurationen des Phänomenotechnischen
  • Peter Woelert: Why technology is more than an ›extension‹ of the body
  • Thomas Zoglauer: Wie Robotik, Neuroprothetik und Cyborg-Technologien unser Verständnis von Handlung und Verantwortung verändern

Archiv

  • François Jullien: Über die Wirksamkeit (Auszug)

Diskussion

  • Yuk Hui: Thinking philosophy from the perspective of technology. Two readings of Simondon
  • Lara Huber: Big Data, Big Promises, Big Science. Ein Statusbericht
  • Andreas Brenneis: Technik zum Einstieg. Ausdifferenziertes mit Kornwachs
  • Océane Zubeldia: Une guerre virtuelle. Un emploi stratégique controversé
  • Suzana Alpsancar: Reflexionen des Technischen zwischen Überleben und gutem Leben

Kontroverse

  • Einleitung in die Kontroverse: Zivilklauseln 
  • Gernot Böhme: Zivilklauseln für eine Technische Universität?
  • Christof Leng: Position zur Zivilklausel
  • Friedrich Wilhelm Kriesel: Zivilklauseln – Leuchtpfad für eine friedliche Gesellschaft?

Kommentar

  • Nicole C. Karafyllis: ›Technics‹ and ›Technology‹ in Arabic language contexts

Glosse

  • Alexander Friedrich: Doch nichts zu verbergen. Zur Antiquiertheit des Überwachungsskandals

 

320 Seiten, Broschur, zahlr. Abb.
ISBN 978-3-03734-468-2
ISSN 2297-2072
€ 34,90 / CHF 50,00

Auch digital erhältlich bei diaphanes.de