{"id":984,"date":"2021-12-04T15:13:13","date_gmt":"2021-12-04T15:13:13","guid":{"rendered":"https:\/\/jtphil.de\/?p=984"},"modified":"2021-12-17T20:20:49","modified_gmt":"2021-12-17T20:20:49","slug":"kommunikation-mit-literaturverwaltungsdatenbanken-ein-kontrafaktischer-erfahrungsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jtphil.de\/?p=984","title":{"rendered":"Kommunikation mit Literaturverwaltungsdatenbanken. Ein kontrafaktischer Erfahrungsbericht"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Andreas Kaminski, Alexander Friedrich<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/jtphil.de\/?p=945\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"724\" src=\"https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_03-1024x724.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-932\" srcset=\"https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_03-1024x724.jpg 1024w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_03-300x212.jpg 300w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_03-768x543.jpg 768w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_03-1536x1086.jpg 1536w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_03-2048x1448.jpg 2048w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_03-624x441.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte Niklas Luhmann seinen ber\u00fchmten Zettelkasten als digital vernetztes Literaturverwaltungsprogramm angelegt, wenn er so bequeme und elaborierte M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr gehabt h\u00e4tte wie jene, die inzwischen daf\u00fcr verf\u00fcgbar sind? Und wenn er es getan h\u00e4tte, w\u00fcrde er am Ende doch wieder auf sein papierbasiertes Aufschreibesystem zur\u00fcckwechseln? \u2013&nbsp;Begeben wir uns auf eine imagin\u00e4re Spurensuche&#8230;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Luhmann durch Internetwerbung, Informations- und Lizensierungsangebote seiner Bibliothek sowie begeisterte Kommentare seiner Kolleg:innen in den sozialen Medien auf verschiedene Programme aufmerksam geworden war, die in enger Zusammenarbeit mit der akademischen Community entwickelt und kostenfrei angeboten wurden, hatte er \u2013 nach anf\u00e4nglicher Skepsis, gleichwohl mit Neugierde \u2013 verstanden, welche M\u00f6glichkeiten ihm die Tools boten. Er begann, sich einen digitalen Zettelkasten einzurichten und brachte sich auch bald mit eigenen W\u00fcnschen und Vorschl\u00e4gen f\u00fcr die Entwicklung des Programmes ein, die von der Community eifrig aufgenommen wurden.<\/em><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn1\"><sup><em><sup><strong>[1]<\/strong><\/sup><\/em><\/sup><\/a><em>&nbsp;Schon bald war der digitale Zettelkasten zu einem st\u00e4ndigen Begleiter seiner Arbeit geworden. Wenn er einen Text las, notiert er darin rasch seine Exzerpte, Zitate, Zusammenfassungen und Kommentare. Die Notizen erg\u00e4nzte er durch Schlagworte wie <\/em>Kommunikation, Wissenschaft, Komplexit\u00e4t<em> usw., versah sie mit Links zu weiterf\u00fchrenden Internetquellen oder Dateien auf seinem Computer.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcber die Jahre hinweg waren nicht nur der Umfang des digitalen Zettelkasten, sondern auch dessen M\u00f6glichkeiten immens angewachsen. Dank der best\u00e4ndigen Weiterentwicklung der Software wurden neue und immer m\u00e4chtigere Funktionen erg\u00e4nzt. Die akademische Community unterst\u00fctzte die Entwickler mit Hinweisen und Nutzerw\u00fcnschen. Zun\u00e4chst kam die hilfreiche Option hinzu, bibliographische Daten per DOI fast automatisch in den Zettelkasten aufzunehmen. Bald konnten Texte als PDFs selbst in den Zettelkasten integriert werden. Anschlie\u00dfend war es sogar m\u00f6glich, Texte direkt im Viewer der Literaturverwaltung zu lesen und zu annotieren. Wenn Luhmann einen Abschnitt gelb markierte, wurde die Passage automatisch als Zitat in seinen Zettelkasten \u00fcbernommen, samt formatiertem Quellennachweis.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sp\u00e4ter kam noch die M\u00f6glichkeit hinzu, ein virtuelles Inhaltsverzeichnis im Zettelkasten anzulegen. Luhmann plante, einen Text \u00fcber die Organisation von Wissen in digitalen Aufschreibesystemen, er entwarf den Gedankengang daf\u00fcr im Zettelkasten. Dazu notierte die Kapitel und Abschnitte des zu schreibenden Manuskripts und f\u00fcgte ihnen anschlie\u00dfend Zitate, Notizen und Kommentare hinzu. \u00dcber Schlagworte und Querverweise f\u00fcllten sich die Kapitel dann wie von selbst mit den damit verkn\u00fcpften Zetteln, die dann nur noch selektiert und in eine gedankliche Ordnung gebracht werden mussten. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sobald er sein Textverarbeitungsprogramm \u00f6ffnete und mit dem Schreiben begann, konnte er durch ein Plug-In seine Zettel im Text einblenden und bibliographische Angaben durch einfaches Hin\u00fcberschieben erg\u00e4nzen. Oder er zog ein Zitat aus dem digitalen Zettelkasten in das Manuskript, an dem er gerade arbeitete, und die bibliographischen Angaben dazu wurden daraufhin automatisch erg\u00e4nzt. L\u00f6schte er das Zitate, wurden die Angaben automatisch entfernt.&nbsp;Sehr bequem<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Laufe dieser Entwicklung wanderte der Zettelkasten von Luhmanns Computer, wo er als Programm auf dem Desktop ausgef\u00fchrt wurde, in die Cloud. Dadurch war es ihm nicht nur m\u00f6glich, von \u201e\u00fcberall\u201c auf seine Zettelsammlung zuzugreifen. Er konnte sie zudem in Teilen oder im Ganzen mit Kolleginnen und Kollegen teilen, die wiederum ihrerseits zum Wachstum des Zettelkastens beitragen konnten.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p><em>Luhmann dachte dar\u00fcber nach, wie der digitale Zettelkasten seine Arbeitsweise erleichtert, erweitert oder \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht. Er konnte schneller arbeiten, bibliographische Daten mussten nicht h\u00e4ndisch erfasst oder in Literaturverzeichnisse eingef\u00fcgt werden, Zitate nicht mehr abgetippt, Texte nicht auf einen Kopierer gelegt und nach der Ablage wiedergefunden werden. \u00dcber die Jahre hatte sich der Zettelkasten zu einem Archiv entwickelt, dass er mit seinem pers\u00f6nlichen Ged\u00e4chtnis allein nicht mehr \u00fcberblicken konnte: Er enthielt eine betr\u00e4chtliche Zahl von bibliografischen Daten, Texten in PDF-Form, Zitaten, Notizen sowie ein umfangreiches Schlagwortsystem. Vor allem die Verwaltung und Pflege seines speziellen Verweissystems war mithilfe der Digitaltechnik spielend leicht zu bew\u00e4ltigen. Raumprobleme entstanden auf absehbare Zeit auch keine. Der Zettelkasten war zudem \u00fcber die Jahre so eng mit seinem Arbeitsprozess zusammengewachsen, dass er sich kaum vorstellen mochte, ohne ihn auszukommen. Das Ergebnis seiner \u00dcberlegung zur Frage, wie das Programm seine Arbeitsweise, seinen Arbeitsalltag, ja sein Leben strukturierte, brachte er schlie\u00dflich in die Form eines Aufsatzes: \u201eKommunikation mit Literaturverwaltungsprogrammen. Ein Erfahrungsbericht\u201c.<\/em><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn2\"><sup><em><sup><strong>[2]<\/strong><\/sup><\/em><\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte von Literaturverwaltungsprogrammen hat h\u00e4ufig einen \u00e4hnlichen Anfang und eine \u00e4hnliche Entwicklung. Programme wie&nbsp;<em>EndNote<\/em>,&nbsp;<em>Mendeley&nbsp;<\/em>oder&nbsp;<em>Citavi<\/em>&nbsp;(vormals LiteRat) haben ihren Ursprung in akademischen Kreisen.&nbsp;<em>EndNote<\/em>&nbsp;wurde 1985 in Berkeley (Californien) von Dr. Richard Niles gegr\u00fcndet, einem Mathematiker, der \u2013 wie die Firmenwebsite von 1995 schildert \u2013 bemerkte, dass seine Frau, die ebenfalls Wissenschaftlerin war, Stunden damit zubrachte, Bibliographien in die von verschiedenen Verlage verwendeten unterschiedlichen Formate zu bringen.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;Der Vorl\u00e4ufer von&nbsp;<em>Citavi<\/em>&nbsp;wurde von Hartmut Steuber, dem damaligen Leiter der Informationsstelle Erziehungswissenschaft, gemeinsam mit zwei studentischen Mitarbeitern an der Heinrich-Heine-Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf entwickelt. Auch aus seiner Sicht stand ein Defizit am Anfang der Entwicklung: Es fehlte, so Steuber, ein Programm, um \u201eLiteratur f\u00fcr Publikationen und Seminararbeiten\u201c auswerten zu k\u00f6nnen.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>&nbsp;Die erste Version namens&nbsp;<em>LiteRat Classic<\/em>&nbsp;erschien 1995.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>&nbsp;Um die Finanzierung und damit Weiterentwicklung zu sichern, gr\u00fcndeten sie sp\u00e4ter das Unternehmen&nbsp;<em>Swiss Academic Software.&nbsp;<\/em>Es entwickelte&nbsp;<em>Citavi<\/em>&nbsp;zu einer der erfolgreichsten Literaturverwaltungen, insbesondere im deutschsprachigen Bereich. Nach eigenen Angaben k\u00f6nnen 85 % der Studierenden an deutschen Hochschulen Citavi dank einer (kostenpflichtigen) Campuslizenz die Software kostenlos nutzen.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>&nbsp;Mendeley wurde von Doktoranden 2008 gegr\u00fcndet.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>&nbsp;Durch den wie schon bei Endnote und Citavi betonten Fokus auf die gemeinsam mit der akademischen Community erfolgte Entwicklung der Literaturverwaltung genoss es bald eine ausgezeichnete Reputation. Da Mendeley auf Kollaboration beruhte, galt es als guter Rebell gegen die Lizenzschwellen der Verlage, die den akademischen Dialog mit oft betr\u00e4chtlichen Bezahlschranken erschwerten.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Was diese Literaturverwaltungen neben ihrer Einbindung in die akademische Community ferner gemeinsam haben: Sie wurden in den letzten Jahren von anderen Unternehmen, darunter auch gro\u00dfen Verlagsh\u00e4usern aufgekauft. Der Aufschrei war gro\u00df, als&nbsp;<em>Elsevier<\/em>&nbsp;2013&nbsp;<em>Mendeley<\/em>&nbsp;erwarb \u2013 f\u00fcr 100 Millionen Dollar.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>&nbsp;Elsevier galt in einigen Kreisen als das Gegenteil von Mendeley \u2013 als \u201eevil\u201c, als \u201ebad crowd\u201c.<sup><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn10\">[10]<\/a><\/sup> EndNote<sup>TM<\/sup>&nbsp;war zwischenzeitlich von Reuters aufgekauft worden, bevor es an einen anderen Gro\u00dfverlag ging: Clarivate Analytics. Auch Citavi ist 2021 von einem anderen Unternehmen erworben worden:&nbsp;QSR International. Es handelt sich um einen Entwickler von Software zur Datenanalyse.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Schreiben beginnt beim Lesen. Die soziologische Frage Luhmanns war: Wie ver\u00e4ndert sich das Denken, wenn sein digitaler Zettelkasten kommerziellen Verlagen und Datenh\u00e4ndlern geh\u00f6rt? Begonnen hatte die Aufzucht seines Zettelkastens als eine Art koevolution\u00e4rer Prozess des Sammelns und Verweisens und Erg\u00e4nzens. \u201eAls Ergebnis l\u00e4ngerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitged\u00e4chtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann. Es weist, darin dem eigenen Ged\u00e4chtnis \u00e4hnlich, keine durchkonstruierte Gesamtordnung auf, auch keine Hierarchie und erst recht keine lineare Struktur wie ein Buch.\u201c<\/em><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn11\"><sup><em><sup><strong>[11]<\/strong><\/sup><\/em><\/sup><\/a><em>&nbsp;Inzwischen ist dieses Ged\u00e4chtnis \u00fcber das Internet aber noch an ein viel gr\u00f6\u00dferes angeschlossen. \u201eJede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualit\u00e4t erst aus dem Netz der Verweisungen und R\u00fcckverweisungen im System erh\u00e4lt\u201c, erkannte Luhmann: \u201eEine Notiz, die an dieses Netz nicht angeschlossen ist, geht im Zettelkasten verloren, wird vom Zettelkasten vergessen.\u201c<\/em><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn12\"><sup><em><sup><strong>[12]<\/strong><\/sup><\/em><\/sup><\/a><em>&nbsp;\u2013&nbsp;Was aber, wenn dieses Netz Teil eines noch gr\u00f6\u00dferen Netzes wird, in dem nichts mehr vergessen wird?&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Tools sind l\u00e4ngt nicht mehr nur \u201eReferenzmanager\u201c. Sie zielen darauf ab, den gesamten Forschungsprozess zu strukturieren und in ein Werkzeug zu integrieren, das Infrastruktur f\u00fcrs Denken, Lesen und Schreiben sein will. Dass diejenigen, die das Lesen und Schreiben als eine zu verfeinernde Kunstfertigkeit erleben, diese auch mittels virtuoserer Werkzeuge weiterentwickeln wollen, ist verst\u00e4ndlich. Und die Ver\u00e4nderungen, die die anschmiegsamen Tools mit sich bringen, sind nicht leicht zu erfassen. Es ist zun\u00e4chst ein Unbehagen dar\u00fcber, dass die vielen Stunden Arbeit am Zettelkasten (als Daten) nun so eng mit den Entscheidungen von Unternehmen verbunden sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Luhmann hatte am Abend eine Mail von einem Kollegen erhalten, der ihm seinen neuesten Aufsatz zuschickte. Die Frage war, ob er die Datei des Textes in die Datenbank seiner Literaturverwaltung aufnehmen sollte. Seine Universit\u00e4t subskribierte die Zeitschrift nicht, in der der Aufsatz erschienen war. Sein digitaler Zettelkasten geh\u00f6rte einem Verlag, der den Abonnementstatus \u00fcber eine Lizenzabfrage leicht feststellen kann. Und \u00fcber seine individuelle ID, mit der die gro\u00dfen Wissenschaftsdatenh\u00e4ndler den Wissenschaftsautor Luhmann l\u00e4ngst erfasst hatten, um seine ID mit allen verf\u00fcgbaren Informationen \u00fcber sein Lese-, Schreib-, Kommunikations- und Konsumhalten zu verkn\u00fcpfen,<sup><a href=\"https:\/\/jtphil.de\/?p=923\" data-type=\"post\" data-id=\"923\">[15]<\/a><\/sup> ist ebenfalls leicht feststellbar, dass er diesen Text nicht selbst gekauft, sondern \u00fcber den \u201eSchattenmarkt\u201c erhalten hat. Doch die Online-Tauschb\u00f6rsen der Wissenschaft wurden in den letzten Jahren massiv attackiert. Zunehmend wurden auch Individuen f\u00fcr Urheberrechtsverst\u00f6\u00dfe verfolgt. Das reichte bis in die Lehre hinein; Dateien, die in Seminaren zu Unterrichtszwecken angeboten wurden, mussten bis auf Komma genau erfasst und lizenziert werden. Bei Verst\u00f6\u00dfen drohten immense Strafen, so wie l\u00e4ngst schon bei illegalen Musik- und Filmtauschb\u00f6rsen.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Elsevier<\/em>, das&nbsp;<em>Mendeley<\/em>&nbsp;\u00fcbernahm, hatte sich f\u00fcr den&nbsp;<em>Stop Online Piracy Act (SOPA)&nbsp;<\/em>eingesetzt, einem Gesetzesentwurf, der 2011 im US-amerikanischen Repr\u00e4sentantenhaus eingebracht wurde, um weitreichende Ma\u00dfnahmen zur Durchsetzung von Urheberrechts- und Verwertungsanspr\u00fcchen einzuf\u00fchren. Zu&nbsp;<em>Clarivate Analytics<\/em>&nbsp;geh\u00f6rt neben&nbsp;<em>EndNote<a><sup>TM<\/sup><\/a><\/em>&nbsp;das&nbsp;<em>Web of Science<\/em>, das die Datenbanken mehrere Disziplinen miteinander verbindet und mit Zitationsdaten auch Impact-Faktoren ermitteln will. Ferner ist <em>Clarivate Analytics<\/em> im Besitz von<em>&nbsp;CompuMark <\/em>und&nbsp;<em>MarkMonitor:<\/em> zwei Services, die darauf spezialisiert sind, Markenrechtsverletzungen zu ermitteln bzw. Antipiracy-L\u00f6sungen anzubieten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gibt es vielleicht etwas \u00c4hnliches zur \u00dcberpr\u00fcfung der Texte im Zettelkasten?&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfen Verlage haben, wie beobachtet worden ist, ihr Gesch\u00e4ftsmodell ver\u00e4ndert: Das Verlegen von Texten ist nurmehr&nbsp;<em>ein<\/em>&nbsp;Element, man ist auf dem Weg, sich in einen Datenh\u00e4ndler und -analytiker zu verwandeln. Dazu geh\u00f6rt auch, Themen und Forschungstrends fr\u00fchzeitig zu erkennen und aufzugreifen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachdem Luhmann einen Text mit Habermas ver\u00f6ffentlicht hatte, wurden ihm fortan zunehmend Texte zur&nbsp;Diskurstheorie<a>&nbsp;<\/a>empfohlen, ein Text des Mathematikers Spencer-Brown wurde von seinem digitalen Zettelkasten <em>indessen als irrelevant <\/em>betrachtet, und daher in seiner Literaturrecherche nicht angezeigt<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Elsevier, das selbst zur REALX Group geh\u00f6rt, bietet inzwischen unter dem Namen&nbsp;<em>Pure&nbsp;<\/em>ein \u201eResearch Information Management System an\u201c, es verspricht einen \u201eevidenzbasierten Ansatz im Hinblick auf die Forschungs- und Kollaborationsstrategien, die Assessment-\u00dcbungen und die allt\u00e4glichen Gesch\u00e4ftsentscheidungen Ihres Instituts.\u201c Es bietet eine Integration von anderen Services wie SciVal, Scopus, Plum Analytics oder NewsFlo an und soll dabei helfen, Forschungstrends zu erkennen und Institutionen zu benchmarken.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn13\"><sup>[13]<\/sup><\/a>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Luhmann \u00fcberlegte, ob er den digitalen Zettelkasten verlassen sollte. Oder zumindest zu einer anderen, nichtpropriet\u00e4ren Software wechseln sollte. Das Problem war, dass es nicht leicht ist, die einmal in den allt\u00e4glichen Gebrauch eingewobene Infrastruktur aufzugeben. Das Problem der Pfadabh\u00e4ngigkeit: Migration wird alles andere als unproblematisch. Viele Jahre Arbeit waren in das Netz von Literatur, Zitaten, Schlagworten eingegangen. Das alles l\u00e4sst sich nicht ohne gro\u00dfen, vielleicht zu gro\u00dfen Aufwand umtopfen.&nbsp;Ein Lock-in, das die jahrzehntelange Arbeit faktisch irreversibel an den einmal erschaffenen Zettelkasten bindet \u2013&nbsp;weil Information endlos, die Lebenszeit aber begrenzt ist.  <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>2008 hatte&nbsp;<em>EndNote<sup>TM&nbsp;<\/sup><\/em>eine Klage gegen die George Mason University eingereicht, die Entwickler hinter&nbsp;<em>Zotero<\/em>.<a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftn14\"><sup>[14]<\/sup><\/a>&nbsp;Zotero ist ein Literverwaltungsprogramm, das als freie Open Source-Software angeboten wird.&nbsp;<em>EndNote<sup>TM<\/sup><\/em>&nbsp;klagte, weil&nbsp;<em>Zotero<\/em>&nbsp;die M\u00f6glichkeit bot, die Daten in <em>EndNote<\/em><sup><em>TM<\/em><\/sup> nach <em>Zotero<\/em>&nbsp;zu migrieren und daf\u00fcr eine technische L\u00f6sung zur Verf\u00fcgung stellte. Diese verletze, so&nbsp;<em>EndNote<sup>TM<\/sup><\/em>, die Lizenzrechte, da sie mit dem spezifischen Format von EndNote<em><sup>TM<\/sup><\/em>&nbsp;arbeite. Die Klage wurde abgewiesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;Vgl. <a href=\"http:\/\/www.zettelkasten.danielluedecke.de\">http:\/\/www.zettelkasten.danielluedecke.de<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Zur kontrafaktischen Gegenlekt\u00fcre: Niklas Luhmann: \u201eKommunikation mit Zettelk\u00e4sten: Ein Erfahrungsbericht\u201c. In: <em>Universit\u00e4t als Milieu: Kleine Schriften<\/em>, hrsg. v. Andr\u00e9 Kieserling, Bielefeld: Haux 1992, S. 53\u201361. Vgl. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4veq2i3teVk\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4veq2i3teVk<\/a> (Aufruf vom 1.12.2021).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;So nachzulesen auf der Firmenwebsite von Niles &amp; Associates, Inc. aus dem Jahr 1995, die dank archive.org dokumentiert ist. Vgl.&nbsp;<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/19961112110744\/http:\/www.niles.com\/home\/Company.htm\">https:\/\/web.archive.org\/web\/19961112110744\/http:\/\/www.niles.com\/home\/Company.htm<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 01.12.2021).&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.b-i-t-online.de\/heft\/2016-01-firmenportraet-citavi.pdf\">https:\/\/www.b-i-t-online.de\/heft\/2016-01-firmenportraet-citavi.pdf<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 30.11.2021).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20031008050454\/http:\/www.literat.net\/net_info.html\">https:\/\/web.archive.org\/web\/20031008050454\/http:\/\/www.literat.net\/net_info.html<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 30.11.2021).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>&nbsp;<a><\/a><a><\/a><a href=\"https:\/\/www.b-i-t-online.de\/heft\/2016-01-firmenportraet-citavi.pdf\">https:\/\/www.b-i-t-online.de\/heft\/2016-01-firmenportraet-citavi.pdf<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 30.11.2021).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/blog.mendeley.com\/2008\/03\/11\/hello-world\/\">https:\/\/blog.mendeley.com\/2008\/03\/11\/hello-world\/<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 26.11.2021)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/tech\/annals-of-technology\/when-the-rebel-alliance-sells-out\">https:\/\/www.newyorker.com\/tech\/annals-of-technology\/when-the-rebel-alliance-sells-out<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 26.11.2021)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/media\/2013\/apr\/09\/reed-elsevier-buys-mendeley\">https:\/\/www.theguardian.com\/media\/2013\/apr\/09\/reed-elsevier-buys-mendeley<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 01.12.2021)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a>&nbsp;Vgl. etwa nicht untypische Reaktionen auf Twitter:&nbsp;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/zephoria\/status\/321602939682701312?s=20\">https:\/\/twitter.com\/zephoria\/status\/321602939682701312?s=20<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>&nbsp;Luhmann: \u201eKommunikation mit Zettelk\u00e4sten\u201c, S. 57.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a>&nbsp;Ebd. S. 58.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref13\"><sup>[13]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.elsevier.com\/de-de\/solutions\/pure\">https:\/\/www.elsevier.com\/de-de\/solutions\/pure<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 10.11.2021). Siehe dazu auch den Beitrag von Dawid Kasprowicz.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D1521570-3C13-49E6-B1B4-FA76ACDD0F84#_ftnref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/EndNote\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/EndNote<\/a>&nbsp;(Aufruf vom 02.12.2021).<\/p>\n\n\n\n<p id=\"QuerverweisScholarCrawling\"><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Kaminski, Alexander Friedrich H\u00e4tte Niklas Luhmann seinen ber\u00fchmten Zettelkasten als digital vernetztes Literaturverwaltungsprogramm angelegt, wenn er so bequeme und elaborierte M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr gehabt h\u00e4tte wie jene, die inzwischen daf\u00fcr verf\u00fcgbar sind? Und wenn er es getan h\u00e4tte, w\u00fcrde er am Ende doch wieder auf sein papierbasiertes Aufschreibesystem zur\u00fcckwechseln? \u2013&nbsp;Begeben wir uns auf eine imagin\u00e4re [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-984","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/984","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=984"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/984\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1042,"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/984\/revisions\/1042"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=984"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=984"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jtphil.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=984"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}