{"id":1068,"date":"2022-01-28T12:29:02","date_gmt":"2022-01-28T12:29:02","guid":{"rendered":"https:\/\/jtphil.de\/?p=1068"},"modified":"2022-01-28T12:31:58","modified_gmt":"2022-01-28T12:31:58","slug":"retroerfassung-nachtraegliche-anreicherung-und-publikation-von-metadaten-oder-wie-mein-name-in-die-bibliotheksmaske-kam-und-der-digitale-bibliotheks-katalog-mich-heute-im-www-als-lesbische-redakteu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jtphil.de\/?p=1068","title":{"rendered":"Retroerfassung, nachtr\u00e4gliche Anreicherung und Publikation von Metadaten. Oder: Wie mein Name in die Bibliotheksmaske kam und der digitale Bibliotheks-Katalog mich heute im www als lesbische Redakteurin \u201eouted\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Petra Gehring<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"724\" src=\"https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_00-1024x724.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-934\" srcset=\"https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_00-1024x724.jpg 1024w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_00-300x212.jpg 300w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_00-768x543.jpg 768w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_00-1536x1086.jpg 1536w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_00-2048x1448.jpg 2048w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_00-624x441.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Illustration: <a href=\"http:\/\/www.matthias-seifert.com\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.matthias-seifert.com\">Matthias Seifert<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich bin Wissenschaftlerin, habe aber auch ein politisches Leben. Dieses hat insbesondere in den 1990er Jahren zu allerlei namentlich gezeichneten Texten gef\u00fchrt, die in auf kleine \u00d6ffentlichkeiten zugeschnittenen Print-Zeitschriften erschienen sind. Ebenso habe ich mich auch in (grauen und nicht-grauen) Zeitschriftenredaktionen engagiert, in welchen mein Name als Mitwirkende nur irgendwo \u201einnendrin\u201c genannt worden ist. Wichtig: Wir sprechen von Zeitschriften, die lediglich gedruckt erschienen sind \u2013 und von welchen man damals als Autorin nie erwartet h\u00e4tte, dass sie nachtr\u00e4glich als Volltext digitalisiert werden, um sie dann weltweit als Medium anzubieten. Und wir sprechen von Zeitschriften, die in klassischen Bibliothekskatalogen \u2013 wo sie \u00fcberhaupt angeschafft worden waren \u2013 auch nur mit ISSN und Titel erfasst worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte fest, dass ich meinen Namen in der Print-Welt jedenfalls nie versteckt habe. Weder bereue ich meine Texte, noch finde ich sie heute schlecht. Alles ist namentlich gezeichnet. Allerdings ist man in den 1990er Jahren auch mit politisch heiklen Texten und insbesondere mit der Nennung als Mitwirkende an Zeitschriften noch recht sorglos umgegangen. In der Welt des gedruckten Vertriebs von Schriften ist der Kreis der Leserinnen und Leser ja einigerma\u00dfen absch\u00e4tzbar. Man schreibt nicht f\u00fcr den Globus, sondern f\u00fcr ein Publikum. Zumeist ein kleiner, jedenfalls vorgebildeter, tendenziell auch solidarischer Kreis. Vielleicht wird auch mal der Staatsschutz das lesen. Naja gut, dachte man damals. Jedenfalls: Im Blatt zu publizieren und vor allem das Engagement in der \u201eRedaktion\u201c hie\u00df nicht, dass potenziell ALLE \u2013 nicht nur Nachbarn, Kollegen, Studierende, Bibliotheksg\u00e4nger, sondern tats\u00e4chlich: weltweit jeder Internet\u00adnutzer \u2013 dies mit wenigen Klicks recherchieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung finde ich nun aber seit einiger Zeit in etlichen deutschen Bibliotheken und damit sowohl in den deutschlandweiten Verbundkatalogen als auch in den Best\u00e4nden der weltweiten Meta-Suchmaschine \u201eWorldcat\u201c die Einzelhefte der seinerzeit im Selbstverlag und ausschlie\u00dflich als Print-Organ (wenngleich mit&nbsp;<a><\/a><a>ISSN<\/a>) produzierten und vertriebenen Zeitschrift IHRSINN (\u201eRadikal\u00adfeministische Lesbenzeitschrift\u201c) verzeichnet. Und jenseits der Metadaten, die auch in vor-digitalen Katalogen gestanden h\u00e4tten bzw. mit denen seinerzeit zu rechnen war, werden zus\u00e4tzlich nun erstens neben den Bandnummern die Schwerpunkt\u00adthemen im Katalog aufgef\u00fchrt, und zweitens werden nun auch die \u201eRed.\u201c (Redaktion? Redakteurin?) sowie \u201eMitarb.\u201c (Mitarbeiterin?) gleichsam heftscharf namentlich genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meinen Namen finde ich etwa (siehe Abb.) unter dem Titel&nbsp;<em>GegenGewalt<\/em>&nbsp;als \u201eRed.\u201c im Katalog-Treffer f\u00fcr eine IHRSINN-Ausgabe von 1997. Bibliographisch hat das alles seine Richtigkeit. Ich schaue im Print-Exemplar nochmal nach: Tats\u00e4chlich listet das Impressum (als \u201eRedaktion\u201c) die Namen von sechs Frauen auf, meiner steht aus alphabetischen Gr\u00fcnden vorn. Freilich steht da weder \u201eAutorin\u201c noch \u201eHerausgeberin\u201c (also eine urheberschaftliche Rolle) \u2013 sondern nur eine presserechtliche, eben: \u201eRedaktion\u201c. Oder sogar nur \u201eMitarbeit\u201c. Die Herausgeberin der Zeitschrift war n\u00e4mlich, damals sehr bewusst beschlossen, lediglich ein Verein: \u201eIhrsinn e.V.\u201c (was so auch im Impressum steht). Und die Redaktion wiederum \u2013 ja sind das denn sechs Einzelpersonen? Nein, so dachten wir nat\u00fcrlich nicht. Sondern die Redaktion ist ein Kollektiv. Wir sind presserechtlich verantwortlich, aber \u201egeoutet\u201c sind wir als Redakteurinnen nicht. So dachte man\/frau jedenfalls in den 1990er Jahren. Vor allem aber: auf die Erfassung und digitale Publikation aller dieser Feindaten eines Impressums waren wir nicht eingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl scheint nicht nur inzwischen die vormals \u201eanaloge\u201c Katalogangabe retrodigitalisiert und eben global zug\u00e4nglich \u201epubliziert\u201c worden zu sein (das scheint im R\u00fcckblick der springende Punkt: die Inhalte von Print-Katalogen waren kein Publikat!). Sondern es hat auch eine Erweiterung der (und zwar nun digital erfassten und digital distribuierten) Metadatenfelder stattgefunden zu haben. Es gibt die Rolle \u201eRedakteurin\u201c. Und diese wird nicht nur \u201astill\u2018 erfasst, sondern das System gibt sie eben auf dem Bildschirm auch aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erg\u00e4nze noch, dass die Bibliothekskataloge (vermutlich aufgrund automatisierter Gro\u00dfschreibung zu Zeilenbeginn) den Titel des fraglichen Heftes falsch abbilden. Das Heft 17\/1997 der IHRSINN hie\u00df n\u00e4mlich nicht&nbsp;<em>GegenGewalt<\/em>, sondern&nbsp;<em>gegenGewalt<\/em>&nbsp;\u2013 wie man leicht sehen kann, ein durchaus sinnentstellender Fehler. Nun lebe ich in einer gl\u00fccklichen, g\u00e4nzlich vorurteilsfreien, toleranten Demokratie. Vermutlich w\u00e4re nichts in meinen akademischen Leben \u2013 kein Begutachtungsvorgang, kein Ergebnis einer Bewerbung, keine Evaluation, keine Beratungsfrage, keine Einladung irgendwohin, kein Eintrag auf \u201emeinprof.de\u201c und auch kein Internet-Shitstorm \u2013 anders verlaufen, h\u00e4tte man mich stets als eine aus dem IHRSINN-Redaktionskollektiv identifizieren k\u00f6nnen. Ich nehme das jetzt jedenfalls mal an.<\/p>\n\n\n\n<p>Was freilich, wenn ich T\u00fcrkin w\u00e4re? Oder Afghanin? Oder einfach nur sch\u00fcchtern? Oder wenn in einigen Jahren dann doch vielleicht meine Einreise in bestimmte L\u00e4nder von Computern genehmigt werden wird, die vorher den&nbsp;<em>WorldCat<\/em>checken? Einreiseverbote soll es ja schon wegen Witzen auf Twitter gegeben haben.<a href=\"applewebdata:\/\/0E60A9ED-ED12-4E55-AE9D-11E1B701ADB4#_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;Oder vor allem: Was ist, wenn ich mich nun frage, ob es f\u00fcr eine afghanische Freundin zum Problem werden k\u00f6nnte, mich gut zu kennen?<\/p>\n\n\n\n<p>Datenschutz, \u00fcbernehmen Sie! Und folgendes sei bitte auch als Schnappschuss aus der Betroffenensicht an die beteiligten Bibliotheksmanager*innen \u00fcbermittelt: Irgendwann in den 2010er Jahren hat man Redaktionsmitgliedschaften f\u00fcr ein blo\u00df \u201etechnisches\u201c Datum erkl\u00e4rt \u2013 Einwilligungen aus den 1990er Jahren aber nicht erfragt und dennoch zum Beispiel Redaktions-Angaben \u201e(Red.)\u201c im Impressum als \u201airgendwie auch Autorschaft\u2018 (das hei\u00dft, informationstechnisch als \u201ePersonen\u201c) zu verbuchen begonnen. Die Netzindustrie will Eigennamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bibliographische Angaben ver\u00e4ndern aber ihren Sinn, wenn sie aus einem Print-Impressum \u00fcber die digitale Publikation eines Katalogs ins Internet wandern. Ebenso ver\u00e4ndern Namensnennungen ihren Sinn, wenn Kataloge nicht nur (anstatt zum Beispiel allein wissenschaftlicher Best\u00e4nde) \u201ealle\u201c (also etwa auch die grauen, politischen oder popul\u00e4ren) Publikationen einer Autorin gleichen Namens anzeigen (identifizierbar als nat\u00fcrlichen Person \u2013 vgl. den Beitrag zur Autor-Identifikation), sondern man retrospektiv die bibliographische Erfassung erweitert und auch Namen erfasst werden, die gar keine Autoren-Angaben sind. Auch hier lie\u00dfe sich weiterdenken: Was, wenn die Datenbankerfassung auch noch alle Pseudonyme von Autor:innen verkn\u00fcpft und bei Abfragen mit ausgibt? Dann w\u00fcrde eine schreib-politische Differenzierung (welche die schriftstellerische Freiheit symbolisiert, aber auch verb\u00fcrgen soll) daten-politisch unterlaufen. Die (guten) Gr\u00fcnde f\u00fcr ein (zumindest f\u00fcr Fragen der Person und von Pers\u00f6nlichkeitsrechten) sensibles Identit\u00e4tsmanagement m\u00fcssen nun den (st\u00e4rkeren) Gr\u00fcnden f\u00fcr ein Informationsmanagement weichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Personenbezogene, datenschutzrechtlich kritisch zu nennenden Daten sind im Falle der vermeintlich unschuldigen Ver\u00f6ffentlichung jener Bibliotheksangabe \u201eRed. \u2026\u201c doch wohl durchaus im Spiel: Hier geht es konkret um sexuelle Orientierung und zudem um das Thema \u201eGewalt\u201c. Ob (nur) Autorinnen und Herausgeberinnen oder auch weitere Namen aus dem Impressum \u201eretro\u201c-\u00f6ffentlich werden: Bibliotheken haben augenscheinlich die Definitionsmacht. Einwilligung? Oder auch nur Information? Betroffene gibt es, so scheint es, nicht. \u2013 Was w\u00e4re, wenn ich nun noch verriete, dass mein eigener Beitrag im Heft sogar \u201eGegengewalt\u201c hei\u00dft \u2026 ?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"blob:https:\/\/jtphil.de\/614e1912-41b8-4e02-b9ef-45f40ff0d942\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>http:\/\/portal.hebis.de\/servlet\/Top\/frames\/hitsframe [7.1.2022]<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/0E60A9ED-ED12-4E55-AE9D-11E1B701ADB4#_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>&nbsp;https:\/\/www.zeit.de\/digital\/internet\/2012-01\/dhs-verweigert-einreise-wegen-twitter [20.1.2020]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petra Gehring Ich bin Wissenschaftlerin, habe aber auch ein politisches Leben. 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