{"id":1004,"date":"2021-11-29T23:00:00","date_gmt":"2021-11-29T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/jtphil.de\/?p=1004"},"modified":"2021-12-17T20:21:17","modified_gmt":"2021-12-17T20:21:17","slug":"verlagstools","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jtphil.de\/?p=1004","title":{"rendered":"Wertsch\u00f6pfung Bottom-up"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber szientometrische Verlagstools im Forschungsmanagement<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dawid Kasprowicz<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/jtphil.de\/?p=945\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"724\" src=\"https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_06-1024x724.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-930\" srcset=\"https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_06-1024x724.jpg 1024w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_06-300x212.jpg 300w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_06-768x543.jpg 768w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_06-1536x1086.jpg 1536w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_06-2048x1448.jpg 2048w, https:\/\/jtphil.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/JahrbuchIllu_06-624x441.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Illustration: Matthias Seifert<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der Woche ging eine Mail an die Mitarbeiter:innen des Lehrstuhls. \u201eM\u00f6chte jemand hingehen? K\u00f6nnte interessant f\u00fcr uns sein.\u201c Die Mail war allgemein gehalten. Eine gewisse Erwartung an die Mitarbeiter:innen, den Termin wahrzunehmen, konnte man zwischen den Zeilen nicht herauslesen. Anfang der Vorlesungszeit, voller Kalender, aber dennoch: Ich folgte der Einladung. Denn das Thema war umso konkreter: Optimierung der Publikations- und Kollaborationst\u00e4tigkeiten durch bibliometrische und szientometrische Tools. Kurzum: Systematische Erfassung von relevanter Forschungsliteratur, Bilanzierung von Themen-Trends in Graphen, Bestimmung der Gewichtung von L\u00e4ndern und Disziplinen zu neuen Forschungsthemen durch Tortendiagramme, Verortung der wichtigsten Communities zu aktuellen Fragestellungen durch historisierte Zitationsverl\u00e4ufe \u2013 wom\u00f6glich etwas, dass f\u00fcr Drittmittelantr\u00e4ge m\u00fchsam aufgearbeitet und im jeweiligen Dokument unter \u201eForschungsstand\u201c eingearbeitet werden muss. Das klang hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter begann also der Workshop zum digitalen Verlagstool des niederl\u00e4ndischen Verlages Elsevier mit dem Namen \u201eSciVal\u201c.&nbsp;&nbsp;Entgegen meiner Erwartung stand aber nicht die individuelle Nutzung von Forscher:innen im Vordergrund, sondern die m\u00f6glichen Chancen f\u00fcr die Universit\u00e4t als Forschungsinstitution und Antragsteller. In der ersten Reihe nahm der Forschungsdekan der Universit\u00e4t sowie die Leitung des Forschungsservices Platz. Ein Vertreter der Firma Elsevier stellte das Tool vor, das aus vier Bausteinen mit den Namen \u201eOverview\u201c, \u201eBenchmarking\u201c, \u201eCollaboration\u201c und \u201eTrends\u201c besteht. Schnell wurde klar, dass es um die Vermarktung eines Tools ging, das in erster Linie gro\u00dfen Institutionen dazu dienen soll, ma\u00dfgeschneiderte Informationen f\u00fcr gro\u00dfe F\u00f6rderprogramme wie z.B. die Exzellenz-Initiative zu erhalten. In solchen Formaten muss die Ausnahmestellung der Universit\u00e4t (oder besser: ihr&nbsp;<em>Unique Selling Point<\/em>) durch Internationalisierung und eine nachhaltige Vorreiterrolle in den Forschungsgebieten, die sie ins Rennen schickt, deutlich gemacht werden. Operativ stellen sich dann folgende Fragen: Wie l\u00e4sst sich der Stellenwert eines internationalen Kollaborationspartners in seinem Forschungsfeld ermitteln? Welche Art von Kooperationen haben die Institute, die in meinem Fach die Benchmark darstellen? Mit welchen Themen liegen wir \u00fcber dem Durchschnitt, was die Zitationen mit&nbsp;<em>impact factor<\/em>&nbsp;angeht?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun liegt es in der Natur des Forschungswettbewerbes, dass auch gro\u00dfe Antragsteller wie Universit\u00e4ten die geeigneten Tools f\u00fcr ihre Antr\u00e4ge finden. Das Verlagstool \u201eSciVal\u201c macht allerdings zwei Probleme deutlich, die mit der systematischen Szientometrisierung akademischer Publikationspraktiken durch private Anbieter einhergehen: Zum einen ist es die Datenbank \u201eScopus\u201c, mit der das Verlagstool \u201eSciVal\u201c versehen ist. Bei \u201eScopus\u201c handelt es sich um eine teils lizenzpflichtige Datenbank, die ebenfalls zu Elsevier geh\u00f6rt&nbsp;und die Abstracts und Zitationen von 5000 Verlagen auff\u00fchrt. Zahlreiche Wissenschaftler:innen, die nicht zuletzt f\u00fcr ihre F\u00f6rderung um eine Quantifizierung ihrer publikatorischen Reichweite bem\u00fcht sind, greifen somit auf \u201eScopus\u201c zur\u00fcck.&nbsp;&nbsp;Die Integration des pers\u00f6nlichen&nbsp;<em>Outputs&nbsp;<\/em>in \u201eScopus\u201c ist also auch Grundlage f\u00fcr Tools wie \u201eSciVal\u201c \u2013 die quantifizierten Qualit\u00e4tskriterien der Wissenschaft stellen damit die Bedingung f\u00fcr neue Wertsch\u00f6pfungsketten privater Anbieter.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum andern ist der Umstand, dass Universit\u00e4ten oder ganze Institute als Antragsteller auftreten k\u00f6nnen, in erster Linie ein wissenschaftspolitischer Effekt, der durch die Kriterien bundesweit ausgeschriebener F\u00f6rderprogramme ausgel\u00f6st wird. F\u00f6rderw\u00fcrdigkeit, wie z.B. in der Exzellenz-Initiative, zeichnet sich dabei auch durch eine internationale Reputation und Vernetzung aus \u2013 Leitindexe, die sich in einem \u00fcber&nbsp;<em>Benchmarks&nbsp;<\/em>und&nbsp;<em>Trends<\/em> gegossenen&nbsp;<em>Outreach&nbsp;<\/em>ermitteln und \u00fcber disziplin\u00e4re Grenzen hinweg vergleichen lassen. Um den&nbsp;<em>Outreach<\/em>&nbsp;\u2013 und den seiner m\u00f6glichen Konkurrenz \u2013 ermitteln zu k\u00f6nnen, werden Lizenzen f\u00fcr Tools wie \u201eSciVal\u201c erworben und Einf\u00fchrungsveranstaltungen f\u00fcr das Forschungsmanagement der Universit\u00e4t veranstaltet, in die sich auch einige Forscher:innen verirren. Knapp ein Drittel der deutschen Exzellenzuniversit\u00e4ten hat, wie ich erfuhr, eine SciVal-Lizenz, andere nutzen Anbieter wie \u201eWeb of Science\u201c, die \u00e4hnliche Tools anbieten. Von Seiten der Hersteller hat man zu Beginn der Schulung versichert, dass eine deutsche Exzellenz-Universit\u00e4t f\u00fcr ihren erfolgreichen Antrag \u201eSciVal\u201c verwendet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist daher m\u00f6glich, dass viele deutsche Universit\u00e4ten, die sich auf gr\u00f6\u00dfere F\u00f6rderlinien bewerben, hier an die Verlage herantreten und individuelle Beratung erwerben \u2013 wobei der umgekehrte Weg wahrscheinlicher ist. Damit setzt eine wissenschaftspolitische Agenda auch das Begehren, solche Informationen \u00fcber die Forschungspraxis als Benchmarks generieren zu k\u00f6nnen. Und das mit Mitteln, die anderen Universit\u00e4ten \u2013 aufgrund der Kosten oder des fehlenden Personals im Forschungsservice \u2013 nicht zur Verf\u00fcgung stehen. Es bleibt langfristig die Frage, ob es universit\u00e4re Alternativen zu den Forschungstools der privaten Anbieter geben wird und wenn ja, welchen Benchmark-Kriterien darin gefolgt wird. Es ist wohl eher nicht davon auszugehen, dass die Wissenschaftspolitik ihre Vorliebe f\u00fcr quantifizierbare&nbsp;<em>scientific impacts<\/em>&nbsp;als Leitindexe der exzellenten Forschung z\u00fcgeln wird.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber szientometrische Verlagstools im Forschungsmanagement Dawid Kasprowicz Zu Beginn der Woche ging eine Mail an die Mitarbeiter:innen des Lehrstuhls. \u201eM\u00f6chte jemand hingehen? K\u00f6nnte interessant f\u00fcr uns sein.\u201c Die Mail war allgemein gehalten. Eine gewisse Erwartung an die Mitarbeiter:innen, den Termin wahrzunehmen, konnte man zwischen den Zeilen nicht herauslesen. 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