JTPhil 2020 „Autonomie und Unheimlichkeit“ erschienen

Das JTPhil 2020 ist erschienen. Der diesjährige Themenschwerpunkt widmet sich dem Verhältnis von „Autonomie und Unheimlichkeit“ in Bezug auf lernende Algorithmen, anthropomorphe Maschinen und selbststeuernde Systeme.

Ist die bisherige Debatte über autonome Systeme bisher vor allem auf ethische und rechtliche Problemstellungen fixiert, hat sich unser Themenschwerpunkt vorgenommen, die philosophische Diskussion um „autonome Technik“ auszuweiten. Im Zuge dessen versammelt unser sechster Band zugleich neue, technikphilosophische Beiträge zur Theorie des Unheimlichen. Mit Texten von Natascha Adamowsky, Bruno Gransche, Christian Voller, Lin Cheng, Walker Trimble und Klaus Mainzer.

Eine technikphilosophie-historische Reflexion auf die derzeit wieder aufflammende Faszination autonomer Technik bietet auch ein dialogischer Kommentar von Langdon Winner. Sein Buch Autonomous Technology erschien vor über 40 Jahren und verdeutlichte bereits im Untertitel, dass eine sich selbst-kontrollierende Technik immer schon eine technics out of (human) control ist. 

In unserem Archiv kann die Zeitreise fortgesetzt werden: mit einem Auszug aus Friedrich Pollocks Automation aus dem Jahr 1964, in dem der kritische Theoretiker hellsichtige Prognosen über die politischen Herausforderungen der Digitalisierung gestellt hat, die uns heute beschäftigen.

Neben den vielstimmigen Beiträgen zum Schwerpunkt zieht sich ein weiteres Thema durch den Band: In der diesjährigen Kontroverse diskutiert Andreas Kaminski mit Don Ihde über die Begründung postphänomenologischer Technikphilosophie. Ergänzt wird das Gespräch durch Sophie Loidolts Rezension von Robert Rosenbergers und Peter-Paul Verbeeks Sammelband Postphenomenological Investigations. Essays on Human-Technology Relations, in der auch die Frage stellt nach dem spezifischen Verhältnis zu deutschsprachigen und französische Phänomenologie aufgeworfen wird. Schließlich kommt in Alfred Nordmanns Rezension eines von Sacha Loeve, Xavier Guchet, Bernadette Bensaude-Vincent herausgegebenen Bands zur französischen Technikphilosophie eine weitere Spielart der Postphänomenologie zur Sprache.

In der Rubrik Abhandlung zeigt Philipp Richter in seiner Studie zur Erfindung der Schiffsuhr, wie sich Kants Begriff der ›Erfindung‹ als Veränderung von Handlungsschemata in Bezug auf ein System von Zwecken und Mitteln fassen lässt, woraus sich weitere Impulse für die Gestaltung einer Reflexion der ›Erfindung‹ autonomer Systeme gewinnen lassen.

Außerdem besprechen Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff das Buch von James Bridles: New Dark Age. Technology and the End of Future (London 2018), in dem der Autor davor warnt, wie kommerziell optimierte Feedbackschleifen in digitalen Plattformen allzu schnell ins ›Unheimliche‹ eskalieren können. Peter Remmers würdigt The Moral Status of Technical Artefacts (Dordrecht 2014) von Peter Kroes und Peter-Paul Verbeek (Hg.) als künftiges Standardwerk zur aktuellen technikphilosophischen und technikethischen Debatte über die verantwortliche Gestaltung neuer Technologien. Alexander Friedrich befasst sich mit den von Nicole C. Karafyllis (Hg.) vorgelegten Theorien von Lebendsammlungen (Alber 2018) und der damit verbundenen Frage, was für eine Art von Tätigkeit das ›Biobanking‹ eigentlich ist. Schließlich rezensiert Samuel Pedziwiatr das von Mark Coeckelbergh, Michael Funk und Stefan Koller herausgegebene Sonderheft der Zeitschrift Techné (22/2018) zu Wittgenstein and Philosophy of Technology – ein Thema, das schon im ersten Jahrbuch Technikphilosophie mehrfach zur Sprache kam.

Vier Glossen von Tom Poljanšek, Hildrun Lampe, Florian Heßdörfer und Jan Friedrich über unheimliches Spielzeug nehmen das Schwerpunktthema des Jahrbuchs noch einmal auf, das seinerseits von den künstlerischen Arbeiten Regina Silveiras durchzogen wird, deren Werke das Unheimliche gerade dann hervortreten lassen, wenn es aufgelöst erscheint.

Die Druckfassung des Buchs kann im Nomos-Shop bestellt werden. Die elektronische Publikation findet sich hier: https://doi.org/10.5771/9783748904861

Autonomie und Unheimlichkeit
Jahrbuch Technikphilosophie 2020
Herausgegeben von Alexander Friedrich, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski, Alfred Nordmann
6. Jahrgang, Baden-Baden: Nomos 2020