JTPhil 2018 „Arbeit und Spiel“ erschienen

Der 4. Jahrgang des Jahrbuchs ist erschienen, diesmal mit dem Schwerpunkt: „Arbeit und Spiel“.

Aus den Editorial:

Spiel und Arbeit gelten als Gegensätze: Das Spiel als freie Betätigung menschlicher Vermögen, die Arbeit als deren Subordination unter einen äußeren Zweck. Die Festlegung des Spiels auf das Konsequenzlose und bloß Luxurierende hat ihm den Ruf des Unernsten eingetragen, während das Abzwecken der Arbeit auf die Nützlichkeit ihres Resultats im Bund mit der Sorge ums Dasein steht. In der Fortschreibung dieser beiden Linien hat man das Spiel wie die Arbeit mit den Begriffen homo ludens und homo faber zu verschiedenen Charakterisierungen der conditio humana nobilitiert. Auch in Bezug auf das in ihnen realisierte Verhältnis von Mittel und Zweck scheinen beide Tätigkeiten auf den ersten Blick gut uterscheidbar: Ist in einem Arbeitsprozess der Zweck gesetzt, für den die geeigneten Mittel gesucht, eingesetzt und optimiert werden, so erlaubt das Spiel bei gegebenen Mitteln eine freie Suche, Variation und Erprobung möglicher, noch unbekannter Zwecke.

Auf den zweiten Blick scheint der Gegensatz jedoch gerade in den entwickeltsten Ausprägungen beider Tätigkeitsformen zu verschwinden. So kann eine hochgradige Rationalisierung von Spielpraktiken in Arbeit umschlagen, wie etwa im Leistungs- oder eSport. Oder ein komplexer Arbeitsvorgang kann selbstzweckhafte, explorative, gestalterische Momente und Eigendynamiken gewinnen, die ihm Spielcharakter verleihen. Auch ein hohes Maß an Verregelung, elaborierte Risikostrategien oder die Aussicht auf Verlust und Gewinn können beide Handlungsformen einander fast ununterscheidbar ähnlich werden lassen.
Starke Rationalisierung oder hohe Komplexität von Regeln bedürfen wiederum oft elaborierter Techniken, um eine entsprechende Rationalität und Komplexität der fraglichen Prozessformen zu erlangen, zu sichern, zu befolgen, zu perfektionieren, zu unterlaufen oder zu modifizieren. Diese Techniken eröffnen ihrerseits neue Spielräume. Das mag gerade an der Spieltheorie, die selbst eine Entscheidungstechnik ist, und darauf beruhenden technischen Anwendungen wie etwa Finanzsimulationen oder leistungsbezogenen Anreizsystemen in kollaborativen Beschäftigungsverhältnissen besonders sinnfällig werden. Auch andere technologische Entwicklungen geben Anlass dazu, das Verhältnis von Spiel und Arbeit noch einmal grundsätzlich zu bedenken, etwa im Hinblick auf: adaptive Systeme in der Robotik, serious games, Kreativitätstechniken in Unternehmenskulturen, wissenschaftliche Experimentalanordnungen, Online-Rollenspiele oder die Kommodifizierung nicht-zweckrationaler Lebensvollzüge, die traditionell vom Begriff produktiver Arbeit ausgeschlossen waren. Die Beschaffenheit der jeweils zum Einsatz kommenden Mittel und Verfahren, die Setzung, Variation oder Preisgabe von Zwecken sowie die Art der subjektiven oder kollektiven Bezugnahme auf die jeweiligen Tätigkeiten können den Cha-rakter von Spiel und Arbeit sowie ihr Verhältnis zueinander bestimmen oder verändern. Dies ist umso mehr der Fall, als unter die Klasse potentieller Spieler und Arbeiter nun auch noch simulierte Akteure und Roboter zu zählen sind, die die Problematik mit Fragen wie »Können Computer wirklich spielen?« oder »Arbeiten Roboter tatsächlich?« eher noch verkomplizieren.

Die in dem diesjähigen Schwerpunkt versammelten Beiträge tragen in sehr unterschiedlicher Hinsicht zu einer Reflexion jener Bewegung bei, in die das Dreieck von Spiel, Arbeit und Technik auf die eine oder andere Weise geraten ist.

Inhaltsverzeichnis

 

Nachruf
Mehr als ein Technikphilosoph – Zum Tode von Günter Ropohl

Schwerpunkt

Stefan Meißner
Arbeit und Spiel – mit Technik neu bestimmt

Oliver Laas
Instrumental Play

Florian Heßdörfer
Das Spielgeld der Pädagogik. Freiheit, Zwang und Arbeit in der Pädagogisierung des Spiels um 1900

Felix Raczkowski
Play, Work and Ritual in Gamification

Christian Klager
Die Ethik des Als-ob. Video- und Computerspiele als technische Sphären der Ethik

Nicole J. Saam und Alexander Schmidl
»A distinct element of play«. Scientific computer simulation as playful investigating

Francesco Amigoni and Viola Schiaffonati
Robotic competitions as experiments: From play to work

G. Günter Voß
Arbeitende Roboter – Arbeitende Menschen. Über subjektivierte Maschinen und menschliche Subjekte

Wolfram Ette
Kosmos Herakles. Zu einer Erzählung Alexander Kluges

Markus Rautzenberg
Einübung ins Ungewisse

Abhandlungen

Christoph Hubig
Der Deus ex Machina reflektiert. Ernst Kapps Technik-Anthropologie zwischen Thomas von Aquin, Hegel
und Latour

Jan C. Schmidt
Die Selbstoptimierung des Selbst. Zur Technikphilosophie des Neuroenhancements

Andreas Kaminski, Michael Resch und Uwe Küster
Mathematische Opazität. Über Rechtfertigung und Reproduzierbarkeit in der Computersimulation

Alfred Nordmann
Four Horsemen and a Rotten Apple. On the Technological Rationality of Nuclear Security

Archiv

Alexander Kluge
Heiner Müller und »Die Gestalt des Arbeiters«

Diskussion

Nicole C. Karafyllis
Homo faber revisited: Eine philosophische Bestandsaufnahme der ›Machbarkeit‹.
Rezension zu: Hans Poser: Homo Creator. Technik als philosophische Herausforderung, Wiesbaden 2016.

Hildrun Lampe
Modellieren: Ansätze für die Grundlegung zu einer interdisziplinären Praxis
Rezension zu: Bernhard Thalheim und Ivor Nissen (Hg.): Wissenschaft und Kunst der Modellierung. Kieler Zugang zur Definition, Nutzung und Zukunft, Berlin, Boston 2015.

Pieter Lemmens
Transductive reticulation: How to reflect on digital thinghood.
Review of: Yuk Hui: On the Existence of Digital Objects, University of Minnesota Press, Minneapolis, 2016.

Kontroverse

Technikhermeneutik: Ein kritischer Austausch zwischen Armin Grunwald und Christoph Hubig

Kommentar

Petra Gehring
Digitalissimo humanissimo! »Die DH« zwischen Marke und Methodik

Glosse

Andreas Brenneis
Unboxing

Das Jahrbuch kann beim Verlag als Druckwerk bestellt oder in der Nomos-eLibrary digital bezogen werden.

Alexander Friedrich, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski, Alfred Nordmann (Hrsg.): Jahrbuch Technikphilosophie 2018. Arbeit und Spiel, Baden-Baden: Nomos 2018, in Gemeinschaft mit Edition Sigma. 376 S., broschiert, 39,90€. ISBN print: 978-3-8487-4279-0, ISBN online: 978-3-8452-8542-9, DOI: 10.5771/9783845285429-1.