CfP: JTPhil 2019 – Steuern und Regeln

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CfP Themenschwerpunkt 2019: „Steuern und Regeln“

Unter der Leitdifferenz „Steuern – Regeln“ (ähnlich „Steuern – Sichern“) werden in der herkömmlichen Technik­philosophie die beiden Operationsmodi „klassischer“ Technik gefasst und beschrieben. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht: zum einen in der Absicht, die sich seit der neolithischen Revolution ausprägende menschliche Technik im Unterschied zur „Zufallstechnik“ (Ortega y Gasset) höherer Spezies oder der Urmenschen zu spezifizieren; zum anderen mit dem Ziel, das Verhältnis von Technik und (Natur-)wissenschaft genauer freizulegen. Indessen fordern aktuelle Technologien, historische Zustandsbeschreibungen einer „Technoscience“ sowie neue epistemische Praktiken die Zweiteilung von „Steuern“ und „Regeln“ heraus.

1974 hat W. R. Ashby kanonisch formuliert, durch „eine perfekte Regelung“ werde „eine perfekte Steuerung (Bestimmung des Ergebnisses durch den Steuerungsakt) möglich“. Regelung wird hier als „ausgearbeitete Gegenaktion“, als „Blockierung des Flusses der Vielfalt von Störungen zu den Variablen des Systems“ charakterisiert. Dabei unterscheidet Ashby zwischen einer „statischen Verteidigung“ (einem Containment als Abschottung von Stör­größen), Konzepten einer in den Systemen implementierten „Reaktion auf Bedrohung“ („Störgrößenaufschaltung“ nach DIN 19226) sowie einer „Regelung durch Abweichung“ („Kopplung zwischen zwei Steuerungs­prozessen/Steuerung des Reglers über die Differenz Ist-Soll-Größe“ nach DIN). Es geht also um die Gewährleistung von Erwartbarkeit, Wieder­holbarkeit, Planbarkeit, Antezipierbarkeit gelingenden Steuerns durch die Ausschaltung von Störgrößen. In der „Steuerung“ und „Sicherung“ hat auch Heidegger die „Hauptzüge“ der modernen Technik ausgemacht; Natur werde dadurch zum „Bestand“, über den in einer Weise verfügt werden kann, die nicht mehr – wie die Zufallstechnik – den Widerfahrnissen und Geschenken der Natur ausgeliefert ist. Fast alle Genealogien von Technik zeichnen ein vergleichbares Bild einer dramatischen Eskalation des „Steuerns“ und der (Selbst-)Regulierung in der Technikentwicklung. Sieht man von einigen archaischen Vorläufertendenzen ab, so tritt in der neolithischen Revolution (Anlage von Äckern und deren Bewässerung, umhegte Viehzucht, elementare Infrastrukturen fester Siedlungen, des Verkehrs, der Kommunikation etc.) zutage, wie sich der Mensch partiell von Fährnissen der äußeren Natur unabhängig macht. Neben diesen Realtechniken sind entsprechende Intellektual- und Sozialtechniken erforderlich, wie sie die mythische Figur der Athene verkörpert. Liegt also tatsächlich im Schritt vom Steuern zum Regeln eine entscheidende moderne Qualität?

Naturwissenschaft klassischer Ausprägung ist für ihre Suche nach gesetzmäßigen Zusammen­hängen zwischen Parametern auf deren Idealisierung durch Ausschalten von kontingenten Störgrößen angewiesen, also auf das Experimentieren in technischen Systemen (Bacon spricht von „vexatio naturae artis“: technischer Verzerrung der Natur). Erträge einer solchen interventionistischen Natur­wissenschaft können eine technische Anwendung finden. Etwa dann, wenn vergleichbare Rand­bedingungen garantiert werden, wie sie in den technisch verfassten Experimenten gegeben sind. Technik erscheint auf diese Weise als angewandte Wissenschaft, weil Forschung bereits angewandte Technik ist, wie Husserl es vielfach herausgearbeitet hat.

Mit Blick auf sogenannte „new emerging sciences and technologies“ (NEST), und andere Entwicklungen im Bereich der Informations-, Kognitions-, Nano- und Biotechnologien, kann nun zurecht gefragt werden, wer oder was als Subjekt von Steuerungs- und Regelungsprozessen konzeptualisiert werden kann. Ferner scheinen die Grenzen zwischen beiden Operationsmodi zu verschwimmen, sofern selbstorganisier­ende Systeme Mehrebenen-Systeme von Steuerungsalgorithmen in regelnder „Absicht“ hervorbringen und umgekehrt die Bilanzierung eines Gelingens von Steuerung die Regelarchitekturen selbst verändert („maschinelles Lernen“) . Zugleich lassen sich analoge Effekte im Felde epistemischer Praktiken registrieren, welche Ideale und Standards klassisch-experimenteller Forschung bewusst zu überschreiten suchen: Indem man den klassischen Weg einer Forschung, die epistemische Gegenstände zu technischen Objekten macht, hinter sich lässt, werden epistemische Dinge bewusst dahingehend inszeniert, dass sie störungsoffen und in ihrem Prozessieren irritierbar sind, um auf diese Weise ihre Relationierung und Vernetzung mit Faktoren einer noch unbekannten Umwelt zu eruieren, die neue epistemische Gegenstände generiert. Auch hier scheint die alte Leitdifferenz von Steuern und Sichern obsolet zu werden, da Überraschung intendiert ist und nicht mehr als Störfaktor gilt.

Umgekehrt werden im Kontext großtechnischer Systeme sowie der Organisation großer sozialer Gebilde und Zusammenhänge die Möglichkeiten einer Steuerung problematisch, und zwar in doppelter Hinsicht: zum einen scheinen insbesondere digitale Informations­techno­logien neue, vielfältige Optionen zur Mani­pulation und Regulation von Prozessen oder Zuständen zu eröffnen (z.B. Monitoring, Big Data, Profiling), zum anderen scheinen gegen­läufige Konsequenzen derselben Entwicklung (z.B. Datenflut, Akzeleration, Automatisierung, ‚Eigenlogik’ soziotechnischer Infrastrukturen) die Möglich­keiten einer koordinierten Steuerung zunehmend in Frage zu stellen. Auch hier stellt sich die Frage, wer oder was als Subjekt von Steuerungs- und Regelungsprozessen adressiert werden kann oder werden soll.

Erbeten werden Beiträge, die das Thema Steuern und Regeln im Hinblick auf neue technik­philo­sophische Herausforderungen adressieren oder die klassischen Konzepte auf eine neue Weise befragen.

Neben dem geplanten „Themenschwerpunkt“ gibt es eine offene Sektion „Abhandlungen“, in der die verschiedensten Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem „Rezensionsteil“ werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen, und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert. Das Jahrbuch erscheint seit seinem 3. Jahrgang in der Edition Sigma des Nomos Verlags. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden.

Manuskripte für Schwerpunktbeiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2018 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 35.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persönlichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf einem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2017 (ca. eine halbe bis max. zwei Seiten) erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, das auch alle Informationen zur formalen Textgestaltung enthält. Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per E-Mail an die Redaktion.

 

Call for Papers 

Thematic Focus 2019: „Command and Control“

As cybernetic credo and seemingly confident assertion of technological prowess, „command and (regulatory) control“ conjoins the two distinct modes of operation of „classical“ technology. These two modes have been taken up in at least two ways by the philosophy of technology. Originating with the Neolithic revolution, the interplay of command and regulatory control serves to distinguish specifically human technology from the „accidental technology“ (Ortega y Gasset) of other higher species. Moreover and perhaps more fruitfully, the modes of command and regulatory control afford a precise characterization of the relations between science and classical technology. Contemporary emerging technologies require a historical assessment of „technoscience“ along with an analysis of new epistemic practices that call into question the separate modes of command and regulation or control.

W. Ross Ashby provided the canonical statement that „perfect regulation of the outcome by R makes possible a complete control over the outcome by C” (1957, 214). Regulation is understood as “counter-action” as the regulator “blocks the flow of variety from disturbances to essential variables” (1957, 204).  Ashby here distinguishes between the “passive block” of a tortoise shell and skilled counter-action by way of the “static defence” of a fencer. All this revolves around the affordance of expectation and anticipation, reproducibility and planning through the exclusion of perturbations of confounding variables. Along these lines, Martin Heidegger also considered as one of the main characteristics of modern technology „Steuerung (command)“ und „Sicherung (securing through regulation).“ This renders nature a Bestand (resource, „standing-in-reserve“) that can be disposed of in a way that is no longer – as opposed to accidental technology – subject to the contingencies or gifts of nature. Indeed, most genealogies of technology provide a similar picture of a dramatic escalation of the power to command along with the (self-)regulation of technology. The Neolithic revolution (the creation of fields and their drainage systems, stock farming, elementary infrastructures of settlements, traffic, and communication) brought to light how humans achieve some degree of independence from the vagaries of nature.  These material technologies require corresponding intellectual and social technologies which are embodied in the mythic figure of Athena. Accordingly, one might ask whether there is really a specifically modern quality in the move from command to regulatory control.

Natural science, classically conceived, seeks lawful connections among parameters by way of idealization and the exclusion of contingent variables. It thus depends on experimentation in technical system or, as Francis Bacon pointed out already, a technical distortion of nature. The findings of this interventionist science can be applied technologically, for example, by implementing constraints that are comparable to those in the technologically designed experiments. Thus, technology appears as applied science because science is applied technology as Husserl has shown repeatedly.

With a view towards the so-called „new and emerging sciences and technologies“ (NEST) and other developments in the field nano- and biotechnologies, in information and cognitive science, one might ask how the subject of command and control processes can be conceived. Moreover, the boundaries between the two modes of operation appear to blend, insofar as self-organizing systems induce command algorithms with the “intent” of regulating behavior, and insofar by way of “machine learning” regulatory success alters the command architecture. At the same time, one can notice analogous effects in the field of epistemic practices that seek to transcend the standards and ideals of classical experimental science. One leaves behind the classical path of research leading from epistemic to technical objects. Instead, epistemic things are directed to be open to perturbation in order to explore their relation to factors of a yet-unknown environment, and thus to generate new epistemic objects. Here again, the former guiding distinction of command and control appears to become obsolete since surprise is intended and is not considered a perturbation.

By way of another inversion, the option of regulatory control becomes doubly problematic in the context of large technical systems and large social constellations. First, digital information technologies provide multiple ways of manipulation and regulating states and processes (e.g. monitoring, big data, profiling). Second, there are opposing consequences of the same development which render increasingly doubtful the possibility of deliberate and coordinated command (e.g. data glut, acceleration, automation, internal developmental logics of sociotechnical infrastructures). Again this raises the question who or what can or should be addressed as the subject of command and control processes.

The Jahrbuch Technikphilosophie is looking for contributions that take up the theme of Command and Control with a view of contemporary philosophical challenges or that bring new questions to classical conceptions. The yearbook will be published in print and digitally by Nomos (jtphil.nomos.de). Contributions may be written in German, English, or French. Manuscripts dealing with “Regulation, Command and Control” should be submitted by January 15, 2018 and should not be longer than 35,000 characters. Articles will be subject to double-blind peer review. Personal information should only appear on the cover page of the manuscript in order to ensure anonymity. Prior to submitting a manuscript and before the date of October 1st, 2017, authors are invited to send in a working title and rough sketch of their proposed contribution. Subsequently, authors will receive preliminary feedback from the editors, together with further information regarding formatting. Please direct contributions, proposals, and inquiries to the editors via Email