JTPhil 2016: Themenschwerpunkt »List und Tod«

Technik, List und Tod: ein Dreieck, das selbst in der Philosophie die Koordinatensysteme durcheinan­der bringt. Als indirekter Modus, als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung, als Gewinnung von Vortei­len angesichts überlegener Mächte ist Technik ebenso eng gebunden an die ‒ dubiose? bravouröse? ‒ Vernunftform der »List« wie an die (Be-)Drohung mit dem Tod. Wie beim listigen Odysseus, den die Literatur als »Techniten« attribuiert, kann, den Tod zu vermei­den, ein Ziel der List und von Technikeinsatz sein. Aber auch, den Tod zu geben: Zwar spricht die Techniktheorie lieber über die Erfindung des Rades, den Hammer und den Lichtschalter, aber eine Grundform des Werkzeugs ist die Waffe. Und lässt sich Technikeinsatz wiederum anders denken denn im Milieu strategischer – und also listiger ‒ Rationalität?

Dabei sind es nicht nur Fallensteller, Verführer, Strategen und Intriganten, die eine Allianz aus Tech­nik, List und Tod zu schmieden verstehen. Neben die Kriegslist tritt die Friedenslist als indirekter Modus und somit allgemein für Technik  als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung.

Die klassische Technikphilosophie charakterisiert Technik daher als »Umweg« (Sachsse, Popitz u.a.) oder auch als »List der Vernunft«, die die Mittel »vor- und dazwischenschiebt« (Hegel, Marx). Dies geschieht auch und gerade, um schädliche Folgen den Mitteln anzulasten bzw. die Subjekte zu ent­lasten, die nur das Ziel einer Technik verantworten wollen. Wie bei Ikarus und Dädalus kann sich gleichwohl die List der Technik selbst überlisten, ihr inhäriert die Logik der Inkaufnahme von Zwischenfällen, Unfällen, vulgo: »Risiken«, mit denen moderne Gesellschaften zu Verantwortungs­produzenten eines neuen Typs geworden sind: Die Zukunft muss Sicherheitsversprechen einlösen, auf deren bis dato noch nicht absehbare Einlösbarkeit wir, dank der List der Prognose, mit unseren heutigen Technologien bereits gewettet haben ‒ um einen potenziell tödlichen Preis. Selbst im Spiel, einem Grenzfall des Technischen, steigern sich Listenreichtum und das Wissen um Endlichkeit gegen­seitig: Jedes Spiel ist ein Spiel ums große »Aus«.

Die kulturkritische Großmetapher von der »Tödlichkeit« moderner Technik bedient sich metapho­risch aus diesem Fundus: Nicht wenigen Technikphilosophien zufolge leben wir in der Epoche einer gleichsam endgültigen, heimtückisch gewordenen Technik. Ein paradoxer Prometheus wäre hier Bürger, Technikkonsument, Nutznießer, mehr aber Sklave und Opfer einer »Apokalypse ohne Reich« (Günter Anders) oder einer »Thanatokratie« (Michel Serres). Ganz besonders mag sich das im Feld der sogenannten Biotechniken zeigen. Sie bewirtschaften »Leben« ‒ und einen zunehmend in technogene Zwischenzustände hinein sich auflösenden Tod.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2016 geht Problemen neuer Kriegstechnologien ebenso nach wie den skizzierten generalisierenden Kulturdiagnostiken: Tödlichkeit und auch List(igkeit) als Zuschrei­bungen, die das Technische schlechthin – wie auch epochentypisch ‒ fassen. Die Technisierung der Grenze von Tod und Leben rücken wir hier bewusst hinzu, sie trägt sich in beide Register ein. Anders gesagt: Im Schwerpunkt werden ganz heterogene Bereiche der Philosophie durchquert: von der praktischen (»List«/»Lüge«, »Sterben«, »Technikethik«) bis zur theoretischen (»List«/»Spiel«), von der existentiellen (»Tod«) bis zur politischen (»Waffe«, »Biopolitik«) und zur Epistemologie (des Technischen, von Kulturkrise/Modernekritik, von »Leben«/»Tod«).

Was die Leser erwartet, sind jeweils nicht direkte Verbindungen zwischen drei Punkten, sondern Versuche einer Triangulation der Extreme.

Inhalt

  • Editorial

Schwerpunkt

  • Monika Schmitz-Emans: Der Tod und die Umwege. Über Erzähltechniken und Erzählerlisten in Labyrinthgeschichten
  • Alexander Friedrich: Die Vergänglichkeit überlisten. Leben und Tod in kryogenen Zeitregimen
  • Christine Blättler: Ewiger Prometheus, lange Schatten Gottes und die Listen der List. Über mythologische, eschatologische und formale Szenarien moderner Technik
  • Jan Friedrich: Köder, Falle und die List des Tricksters
  • Andreas Kaminski, Björn Schembera, Michael Resch, Uwe Küster: Simulation als List
  • Kai Denker: Spuren des Tötens. Die List im Drohnenkrieg
  • Sandro Gaycken: Technik, List und Tod aktuell. Ein Kommentar zur militärischen Dimension der List

Abhandlungen

  • Gabriele Gramelsberger: Figurationen des Phänomenotechnischen
  • Peter Woelert: Why technology is more than an ›extension‹ of the body
  • Thomas Zoglauer: Wie Robotik, Neuroprothetik und Cyborg-Technologien unser Verständnis von Handlung und Verantwortung verändern

Archiv

  • François Jullien: Über die Wirksamkeit (Auszug)

Diskussion

  • Yuk Hui: Thinking philosophy from the perspective of technology. Two readings of Simondon
  • Lara Huber: Big Data, Big Promises, Big Science. Ein Statusbericht
  • Andreas Brenneis: Technik zum Einstieg. Ausdifferenziertes mit Kornwachs
  • Océane Zubeldia: Une guerre virtuelle. Un emploi stratégique controversé
  • Suzana Alpsancar: Reflexionen des Technischen zwischen Überleben und gutem Leben

Kontroverse

  • Einleitung in die Kontroverse: Zivilklauseln 
  • Gernot Böhme: Zivilklauseln für eine Technische Universität?
  • Christof Leng: Position zur Zivilklausel
  • Friedrich Wilhelm Kriesel: Zivilklauseln – Leuchtpfad für eine friedliche Gesellschaft?

Kommentar

  • Nicole C. Karafyllis: ›Technics‹ and ›Technology‹ in Arabic language contexts

Glosse

  • Alexander Friedrich: Doch nichts zu verbergen. Zur Antiquiertheit des Überwachungsskandals

 

320 Seiten, Broschur, zahlr. Abb.
ISBN 978-3-03734-468-2
ISSN 2297-2072
€ 34,90 / CHF 50,00

Auch digital erhältlich bei diaphanes.de