Allgemein

JTPhil 2018 „Arbeit und Spiel“ erschienen

Der 4. Jahrgang des Jahrbuchs ist erschienen, diesmal mit dem Schwerpunkt: „Arbeit und Spiel“.

Aus den Editorial:

Spiel und Arbeit gelten als Gegensätze: Das Spiel als freie Betätigung menschlicher Vermögen, die Arbeit als deren Subordination unter einen äußeren Zweck. Die Festlegung des Spiels auf das Konsequenzlose und bloß Luxurierende hat ihm den Ruf des Unernsten eingetragen, während das Abzwecken der Arbeit auf die Nützlichkeit ihres Resultats im Bund mit der Sorge ums Dasein steht. In der Fortschreibung dieser beiden Linien hat man das Spiel wie die Arbeit mit den Begriffen homo ludens und homo faber zu verschiedenen Charakterisierungen der conditio humana nobilitiert. Auch in Bezug auf das in ihnen realisierte Verhältnis von Mittel und Zweck scheinen beide Tätigkeiten auf den ersten Blick gut uterscheidbar: Ist in einem Arbeitsprozess der Zweck gesetzt, für den die geeigneten Mittel gesucht, eingesetzt und optimiert werden, so erlaubt das Spiel bei gegebenen Mitteln eine freie Suche, Variation und Erprobung möglicher, noch unbekannter Zwecke.

Auf den zweiten Blick scheint der Gegensatz jedoch gerade in den entwickeltsten Ausprägungen beider Tätigkeitsformen zu verschwinden. So kann eine hochgradige Rationalisierung von Spielpraktiken in Arbeit umschlagen, wie etwa im Leistungs- oder eSport. Oder ein komplexer Arbeitsvorgang kann selbstzweckhafte, explorative, gestalterische Momente und Eigendynamiken gewinnen, die ihm Spielcharakter verleihen. Auch ein hohes Maß an Verregelung, elaborierte Risikostrategien oder die Aussicht auf Verlust und Gewinn können beide Handlungsformen einander fast ununterscheidbar ähnlich werden lassen.
Starke Rationalisierung oder hohe Komplexität von Regeln bedürfen wiederum oft elaborierter Techniken, um eine entsprechende Rationalität und Komplexität der fraglichen Prozessformen zu erlangen, zu sichern, zu befolgen, zu perfektionieren, zu unterlaufen oder zu modifizieren. Diese Techniken eröffnen ihrerseits neue Spielräume. Das mag gerade an der Spieltheorie, die selbst eine Entscheidungstechnik ist, und darauf beruhenden technischen Anwendungen wie etwa Finanzsimulationen oder leistungsbezogenen Anreizsystemen in kollaborativen Beschäftigungsverhältnissen besonders sinnfällig werden. Auch andere technologische Entwicklungen geben Anlass dazu, das Verhältnis von Spiel und Arbeit noch einmal grundsätzlich zu bedenken, etwa im Hinblick auf: adaptive Systeme in der Robotik, serious games, Kreativitätstechniken in Unternehmenskulturen, wissenschaftliche Experimentalanordnungen, Online-Rollenspiele oder die Kommodifizierung nicht-zweckrationaler Lebensvollzüge, die traditionell vom Begriff produktiver Arbeit ausgeschlossen waren. Die Beschaffenheit der jeweils zum Einsatz kommenden Mittel und Verfahren, die Setzung, Variation oder Preisgabe von Zwecken sowie die Art der subjektiven oder kollektiven Bezugnahme auf die jeweiligen Tätigkeiten können den Cha-rakter von Spiel und Arbeit sowie ihr Verhältnis zueinander bestimmen oder verändern. Dies ist umso mehr der Fall, als unter die Klasse potentieller Spieler und Arbeiter nun auch noch simulierte Akteure und Roboter zu zählen sind, die die Problematik mit Fragen wie »Können Computer wirklich spielen?« oder »Arbeiten Roboter tatsächlich?« eher noch verkomplizieren.

Die in dem diesjähigen Schwerpunkt versammelten Beiträge tragen in sehr unterschiedlicher Hinsicht zu einer Reflexion jener Bewegung bei, in die das Dreieck von Spiel, Arbeit und Technik auf die eine oder andere Weise geraten ist.

Inhaltsverzeichnis

 

Nachruf
Mehr als ein Technikphilosoph – Zum Tode von Günter Ropohl

Schwerpunkt

Stefan Meißner
Arbeit und Spiel – mit Technik neu bestimmt

Oliver Laas
Instrumental Play

Florian Heßdörfer
Das Spielgeld der Pädagogik. Freiheit, Zwang und Arbeit in der Pädagogisierung des Spiels um 1900

Felix Raczkowski
Play, Work and Ritual in Gamification

Christian Klager
Die Ethik des Als-ob. Video- und Computerspiele als technische Sphären der Ethik

Nicole J. Saam und Alexander Schmidl
»A distinct element of play«. Scientific computer simulation as playful investigating

Francesco Amigoni and Viola Schiaffonati
Robotic competitions as experiments: From play to work

G. Günter Voß
Arbeitende Roboter – Arbeitende Menschen. Über subjektivierte Maschinen und menschliche Subjekte

Wolfram Ette
Kosmos Herakles. Zu einer Erzählung Alexander Kluges

Markus Rautzenberg
Einübung ins Ungewisse

Abhandlungen

Christoph Hubig
Der Deus ex Machina reflektiert. Ernst Kapps Technik-Anthropologie zwischen Thomas von Aquin, Hegel
und Latour

Jan C. Schmidt
Die Selbstoptimierung des Selbst. Zur Technikphilosophie des Neuroenhancements

Andreas Kaminski, Michael Resch und Uwe Küster
Mathematische Opazität. Über Rechtfertigung und Reproduzierbarkeit in der Computersimulation

Alfred Nordmann
Four Horsemen and a Rotten Apple. On the Technological Rationality of Nuclear Security

Archiv

Alexander Kluge
Heiner Müller und »Die Gestalt des Arbeiters«

Diskussion

Nicole C. Karafyllis
Homo faber revisited: Eine philosophische Bestandsaufnahme der ›Machbarkeit‹.
Rezension zu: Hans Poser: Homo Creator. Technik als philosophische Herausforderung, Wiesbaden 2016.

Hildrun Lampe
Modellieren: Ansätze für die Grundlegung zu einer interdisziplinären Praxis
Rezension zu: Bernhard Thalheim und Ivor Nissen (Hg.): Wissenschaft und Kunst der Modellierung. Kieler Zugang zur Definition, Nutzung und Zukunft, Berlin, Boston 2015.

Pieter Lemmens
Transductive reticulation: How to reflect on digital thinghood.
Review of: Yuk Hui: On the Existence of Digital Objects, University of Minnesota Press, Minneapolis, 2016.

Kontroverse

Technikhermeneutik: Ein kritischer Austausch zwischen Armin Grunwald und Christoph Hubig

Kommentar

Petra Gehring
Digitalissimo humanissimo! »Die DH« zwischen Marke und Methodik

Glosse

Andreas Brenneis
Unboxing

Das Jahrbuch kann beim Verlag als Druckwerk bestellt oder in der Nomos-eLibrary digital bezogen werden.

Alexander Friedrich, Petra Gehring, Christoph Hubig, Andreas Kaminski, Alfred Nordmann (Hrsg.): Jahrbuch Technikphilosophie 2018. Arbeit und Spiel, Baden-Baden: Nomos 2018, in Gemeinschaft mit Edition Sigma. 376 S., broschiert, 39,90€. ISBN print: 978-3-8487-4279-0, ISBN online: 978-3-8452-8542-9, DOI: 10.5771/9783845285429-1.

CfP: JTPhil 2018 – Arbeit und Spiel // abgelaufen

Spiel und Arbeit gelten oft als Gegensätze: Das Spiel als freie Betätigung menschlicher Vermögen, die Arbeit als deren Subordination unter einen äußeren Zweck. Die Festlegung des Spiels auf konsequenzlose Wiederholbarkeit hat ihm den Ruf des Unernsten eingetragen, während das Abzwecken der Arbeit auf die Nützlichkeit ihres Resultats im Bund mit der Sorge ums Dasein steht. Jenseits ihrer Reduktion aufs Unernste und Unfreie sind Spiel wie Arbeit mit den Begriffen homo ludens und homo faber zu Charakterisierungen der conditio humana nobilitiert worden. Auch in Bezug auf das in ihnen realisierte Verhältnis von Mittel und Zweck scheinen beide Tätigkeiten auf den ersten Blick gut unterscheidbar: Ist in einem Arbeitsprozess der Zweck gesetzt, für den die geeigneten Mittel gesucht, eingesetzt und optimiert werden, erlaubt das Spiel bei gegebenen Mitteln eine freie Suche, Variation und Erprobung möglicher, noch unbekannter Zwecke.

Auf einen zweiten Blick scheint dieser Gegensatz jedoch, gerade in den hochentwickeltsten Ausprägungen beider Tätigkeitsformen, zu verschwinden. So kann eine hochgradige Rationalisierung von Spielpraktiken in Arbeit umschlagen, wie etwa im Leistungssport, oder ein komplexer Arbeitsvorgang selbstzweckhafte Momente und Eigendynamiken gewinnen, die ihm Spielcharakter verleihen. Auch ein hohes Maß an Verregelung, elaborierte Risikostrategien oder die Aussicht auf Verlust und Gewinn können beide Handlungsformen einander fast ununterscheidbar ähnlich werden lassen.

Hochgradige Rationalisierung (wie im Leistungssport) oder hohe Komplexität von Regeln (wie in avancierten Arbeitsprozessen) verlangen wiederum oft elaborierte Techniken, um diese zu erlangen, zu sichern, zu befolgen, zu perfektionieren, zu unterlaufen oder zu modifizieren. Und diese Techniken eröffnen ihrerseits neue Spielräume. Das mag gerade an der Spieltheorie (selbst bereits eine Entscheidungstechnik) und darauf beruhenden technischen Anwendungen wie etwa Finanzsimulationen oder leistungsbezogenen Anreizsystemen in kollaborativen Beschäftigungsverhältnissen besonders sinnfällig werden. Auch andere technologische Entwicklungen geben Anlass dazu, das Verhältnis von Spiel und Arbeit noch einmal grundsätzlich zu bedenken, etwa im Hinblick auf: adaptive Systeme in der Robotik, serious games, Kreativitätstechniken in Unternehmenskulturen, wissenschaftliche Experimentalanordnungen, Online-Rollenspiele oder die Kommodifizierung nicht-zweckrationaler Lebensvollzüge, die traditionell vom Begriff produktiver Arbeit ausgeschlossen waren – einschließlich der Spielräume, die durch neue Umwelt- und Biotechniken erschlossen werden. Die Beschaffenheit der jeweils zum Einsatz kommenden Mittel und Verfahren sowie die Setzung, Variation oder Preisgabe von Zwecken können den Charakter von Spiel und Arbeit sowie ihr Verhältnis zueinander bestimmen oder verändern.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2018 lädt dazu ein, Beiträge zum Schwerpunktthema Arbeit und Spiel einzureichen. Zur Erkundung, Erörterung und Diskussion der philosophischen Aspekte des spannungsreichen Dreiecks von Technik, Spiel und Arbeit können:

  • theoretische und aktuelle Probleme der Begriffe adressiert,
  • exemplarische Fallstudien zu historischen oder zeitgenössischen Konstellationen ihres Zusammenhangs vorgestellt,
  • Interventionen in einschlägige Diskurse und Kontroversen vorgenommen oder
  • Überlegungen zu möglichen zukünftigen Entwicklungen angestellt werden, die sich in diesem Dreieck abspielen.

Ziel und Anliegen des Jahrbuchs ist eine Zusammenführung aktueller technikphilosophischer Debatten in einem gemeinsamen und weithin sichtbaren Forum. Anspruch ist es, das gesamte Spektrum der Auseinandersetzung zu repräsentieren und aktuelle Thesen, Ansätze und Forschungslinien zum Thema abzubilden.

Neben dem jeweiligen Themenschwerpunkt gibt es eine Sektion Abhandlungen, in der sämtliche Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem Rezensionsteil werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen, und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert.

Das Jahrbuch erscheint mit dem 3. Jahrgang in der Edition Sigma des Nomos Verlags. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die hervorragende Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden. Manuskripte für Schwerpunktbeiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2017 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persönlichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf einem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2016 (ca. eine halbe bis max. zwei Seiten) erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, mit dem alle weiteren Informationen zur formalen Textgestaltung mitgeteilt werden.
Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per Mail an die Redaktion.

CfP JTPhil 2017 – Technisches Nichtwissen // abgelaufen

Das Nichtwissen ist in aller Munde. Von Nichtwissenskulturen in der zweiten oder reflexiven Moderne ist die Rede, von Agnotologie als neuem Forschungszweig, von wicked problems und ihren clumsy solutions. Wo Nichtwissen sich durch Komplexitäts­steigerung unwiderruflich im zu Wissenden einnistet, fordert es als Grenze, Schranke und Kehrseite des Wissens die sogenannte Wissensgesellschaft heraus. Vor allem Risiko­poten­tiale und Gefahren kommen hier in den Blick, von denen wir gerade genug wissen, um Wissensansprüche zu formulieren, die sich womöglich nie einlösen lassen.

Das klassisch erkenntnistheoretische Problem: „Was können wir wissen?“ steht heute in einem Spannungsverhältnis zu der wissenspolitischen Frage: „Was müssen wir wissen?“ Was wir wissen müssen, ist einerseits so viel wie nötig, wenn es um Fragen von Sicherheit und Gesundheit geht – andererseits aber so wenig wie möglich, wenn es in Alltag, Wirtschaft oder Wissen­schaft darauf ankommt, Wissen an technische Systeme oder Expertenkulturen zu delegieren.

Bezeichnet politisch handlungsorientiertes und wissenschaftliches Nichtwissen zunächst ein Defizit, ist technisches Nichtwissen gleichermaßen erstrebenswert und problematisch. Einige, die Technik für angewandtes Wissen halten, mögen darin eine contradictio in adjecto sehen, manche sich um eine dem technischen Nichtwissen geschuldeten Technik­feindlichkeit sorgen, andere daraus die nötige Demut gegen verstiegene Allmachts­phantasien beziehen, während ihre Gegenspieler von Maschinen träumen, die über den Horizont intellektueller Nachvollziehbarkeit immer weiter hinauseilen.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2017 lädt dazu ein, Beiträge zum Schwerpunktthema „Technisches Nichtwissen“ einzureichen. Ziel und Anliegen des Jahrbuchs ist eine Zusammenführung aktueller technikphilosophischer Debatten in einem gemeinsamen und weithin sichtbaren Forum. Anspruch ist es, das gesamte Spektrum der Auseinander­setzung zu repräsentieren und aktuelle Thesen, Ansätze und Forschungslinien zum Thema abzubilden. Neben dem jeweiligen „Themenschwerpunkt“ gibt es eine Sektion „Abhandlungen“, in der sämtliche Aspekte und Probleme der Technikphilosophie diskutiert werden können. Auch dazu sind Autorinnen und Autoren eingeladen, Beiträge einzureichen. In einem „Rezensionsteil“ werden zudem aktuelle Publikationen auf dem Gebiet besprochen und ein „Archiv“ informiert über vergriffene, vergessene oder unbekannte Texte zum Thema. Überdies werden technische und technikpolitische Entwicklungen der Gegenwart in einer eigenen Sektion kommentiert.

Das Jahrbuch erscheint bei diaphanes und wird von einem digitalen Pendant um aktuelle und kleinere Beiträge ergänzt. Ein Begutachtungsverfahren (double blind peer review) stellt die hervorragende Qualität der Abhandlungen sicher. Beiträge können in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert werden. Manuskripte für Schwerpunkt­beiträge oder Abhandlungen sollten bis zum 15. Januar 2016 der Redaktion vorliegen und nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Anmerkungen) umfassen. Alle persön­lichen Angaben sind wegen des Review-Verfahrens ausschließlich auf dem Deckblatt zu vermerken. Vor der Einreichung eines Manuskripts wird die Zusendung eines vorläufigen Titels mit einer Themenskizze bis zum 1. Oktober 2015 erbeten. Darauf erfolgt ein erstes redaktionelles Feedback, mit dem alle weiteren Informationen zur formalen Textgestaltung mitgeteilt werden. Einsendungen, Vorschläge oder Anfragen richten Sie bitte per Mail an die Redaktion: Mail to.

JTPhil 2016: Themenschwerpunkt »List und Tod«

Technik, List und Tod: ein Dreieck, das selbst in der Philosophie die Koordinatensysteme durcheinan­der bringt. Als indirekter Modus, als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung, als Gewinnung von Vortei­len angesichts überlegener Mächte ist Technik ebenso eng gebunden an die ‒ dubiose? bravouröse? ‒ Vernunftform der »List« wie an die (Be-)Drohung mit dem Tod. Wie beim listigen Odysseus, den die Literatur als »Techniten« attribuiert, kann, den Tod zu vermei­den, ein Ziel der List und von Technikeinsatz sein. Aber auch, den Tod zu geben: Zwar spricht die Techniktheorie lieber über die Erfindung des Rades, den Hammer und den Lichtschalter, aber eine Grundform des Werkzeugs ist die Waffe. Und lässt sich Technikeinsatz wiederum anders denken denn im Milieu strategischer – und also listiger ‒ Rationalität?

Dabei sind es nicht nur Fallensteller, Verführer, Strategen und Intriganten, die eine Allianz aus Tech­nik, List und Tod zu schmieden verstehen. Neben die Kriegslist tritt die Friedenslist als indirekter Modus und somit allgemein für Technik  als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung.

Die klassische Technikphilosophie charakterisiert Technik daher als »Umweg« (Sachsse, Popitz u.a.) oder auch als »List der Vernunft«, die die Mittel »vor- und dazwischenschiebt« (Hegel, Marx). Dies geschieht auch und gerade, um schädliche Folgen den Mitteln anzulasten bzw. die Subjekte zu ent­lasten, die nur das Ziel einer Technik verantworten wollen. Wie bei Ikarus und Dädalus kann sich gleichwohl die List der Technik selbst überlisten, ihr inhäriert die Logik der Inkaufnahme von Zwischenfällen, Unfällen, vulgo: »Risiken«, mit denen moderne Gesellschaften zu Verantwortungs­produzenten eines neuen Typs geworden sind: Die Zukunft muss Sicherheitsversprechen einlösen, auf deren bis dato noch nicht absehbare Einlösbarkeit wir, dank der List der Prognose, mit unseren heutigen Technologien bereits gewettet haben ‒ um einen potenziell tödlichen Preis. Selbst im Spiel, einem Grenzfall des Technischen, steigern sich Listenreichtum und das Wissen um Endlichkeit gegen­seitig: Jedes Spiel ist ein Spiel ums große »Aus«.

Die kulturkritische Großmetapher von der »Tödlichkeit« moderner Technik bedient sich metapho­risch aus diesem Fundus: Nicht wenigen Technikphilosophien zufolge leben wir in der Epoche einer gleichsam endgültigen, heimtückisch gewordenen Technik. Ein paradoxer Prometheus wäre hier Bürger, Technikkonsument, Nutznießer, mehr aber Sklave und Opfer einer »Apokalypse ohne Reich« (Günter Anders) oder einer »Thanatokratie« (Michel Serres). Ganz besonders mag sich das im Feld der sogenannten Biotechniken zeigen. Sie bewirtschaften »Leben« ‒ und einen zunehmend in technogene Zwischenzustände hinein sich auflösenden Tod.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2016 geht Problemen neuer Kriegstechnologien ebenso nach wie den skizzierten generalisierenden Kulturdiagnostiken: Tödlichkeit und auch List(igkeit) als Zuschrei­bungen, die das Technische schlechthin – wie auch epochentypisch ‒ fassen. Die Technisierung der Grenze von Tod und Leben rücken wir hier bewusst hinzu, sie trägt sich in beide Register ein. Anders gesagt: Im Schwerpunkt werden ganz heterogene Bereiche der Philosophie durchquert: von der praktischen (»List«/»Lüge«, »Sterben«, »Technikethik«) bis zur theoretischen (»List«/»Spiel«), von der existentiellen (»Tod«) bis zur politischen (»Waffe«, »Biopolitik«) und zur Epistemologie (des Technischen, von Kulturkrise/Modernekritik, von »Leben«/»Tod«).

Was die Leser erwartet, sind jeweils nicht direkte Verbindungen zwischen drei Punkten, sondern Versuche einer Triangulation der Extreme.

Inhalt

  • Editorial

Schwerpunkt

  • Monika Schmitz-Emans: Der Tod und die Umwege. Über Erzähltechniken und Erzählerlisten in Labyrinthgeschichten
  • Alexander Friedrich: Die Vergänglichkeit überlisten. Leben und Tod in kryogenen Zeitregimen
  • Christine Blättler: Ewiger Prometheus, lange Schatten Gottes und die Listen der List. Über mythologische, eschatologische und formale Szenarien moderner Technik
  • Jan Friedrich: Köder, Falle und die List des Tricksters
  • Andreas Kaminski, Björn Schembera, Michael Resch, Uwe Küster: Simulation als List
  • Kai Denker: Spuren des Tötens. Die List im Drohnenkrieg
  • Sandro Gaycken: Technik, List und Tod aktuell. Ein Kommentar zur militärischen Dimension der List

Abhandlungen

  • Gabriele Gramelsberger: Figurationen des Phänomenotechnischen
  • Peter Woelert: Why technology is more than an ›extension‹ of the body
  • Thomas Zoglauer: Wie Robotik, Neuroprothetik und Cyborg-Technologien unser Verständnis von Handlung und Verantwortung verändern

Archiv

  • François Jullien: Über die Wirksamkeit (Auszug)

Diskussion

  • Yuk Hui: Thinking philosophy from the perspective of technology. Two readings of Simondon
  • Lara Huber: Big Data, Big Promises, Big Science. Ein Statusbericht
  • Andreas Brenneis: Technik zum Einstieg. Ausdifferenziertes mit Kornwachs
  • Océane Zubeldia: Une guerre virtuelle. Un emploi stratégique controversé
  • Suzana Alpsancar: Reflexionen des Technischen zwischen Überleben und gutem Leben

Kontroverse

  • Einleitung in die Kontroverse: Zivilklauseln 
  • Gernot Böhme: Zivilklauseln für eine Technische Universität?
  • Christof Leng: Position zur Zivilklausel
  • Friedrich Wilhelm Kriesel: Zivilklauseln – Leuchtpfad für eine friedliche Gesellschaft?

Kommentar

  • Nicole C. Karafyllis: ›Technics‹ and ›Technology‹ in Arabic language contexts

Glosse

  • Alexander Friedrich: Doch nichts zu verbergen. Zur Antiquiertheit des Überwachungsskandals

 

320 Seiten, Broschur, zahlr. Abb.
ISBN 978-3-03734-468-2
ISSN 2297-2072
€ 34,90 / CHF 50,00

Auch digital erhältlich bei diaphanes.de

CfP JTPhil 2016: Themenschwerpunkt »List und Tod« – Abgelaufen

Technik, List und Tod: ein Dreieck, das selbst in der Philosophie die Koordinatensysteme durcheinan­der bringt. Als indirekter Modus, als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung, als Gewinnung von Vortei­len angesichts überlegener Mächte ist Technik ebenso eng gebunden an die ‒ dubiose? bravouröse? ‒ Vernunftform der »List« wie an die (Be-)Drohung mit dem Tod. Wie beim listigen Odysseus, den die Literatur als »Techniten« attribuiert, kann, den Tod zu vermei­den, ein Ziel der List und von Technikeinsatz sein. Aber auch, den Tod zu geben: Zwar spricht die Techniktheorie lieber über die Erfindung des Rades, den Hammer und den Lichtschalter, aber eine Grundform des Werkzeugs ist die Waffe. Und lässt sich Technikeinsatz wiederum anders denken denn im Milieu strategischer – und also listiger ‒ Rationalität?

Dabei sind es nicht nur Fallensteller, Verführer, Strategen und Intriganten, die eine Allianz aus Tech­nik, List und Tod zu schmieden verstehen. Neben die Kriegslist tritt die Friedenslist als indirekter Modus und somit allgemein für Technik  als Ersatz von Gewalt durch Vermittlung.

Die klassische Technikphilosophie charakterisiert Technik daher als »Umweg« (Sachsse, Popitz u.a.) oder auch als »List der Vernunft«, die die Mittel »vor- und dazwischenschiebt« (Hegel, Marx). Dies geschieht auch und gerade, um schädliche Folgen den Mitteln anzulasten bzw. die Subjekte zu ent­lasten, die nur das Ziel einer Technik verantworten wollen. Wie bei Ikarus und Dädalus kann sich gleichwohl die List der Technik selbst überlisten, ihr inhäriert die Logik der Inkaufnahme von Zwischenfällen, Unfällen, vulgo: »Risiken«, mit denen moderne Gesellschaften zu Verantwortungs­produzenten eines neuen Typs geworden sind: Die Zukunft muss Sicherheitsversprechen einlösen, auf deren bis dato noch nicht absehbare Einlösbarkeit wir, dank der List der Prognose, mit unseren heutigen Technologien bereits gewettet haben ‒ um einen potenziell tödlichen Preis. Selbst im Spiel, einem Grenzfall des Technischen, steigern sich Listenreichtum und das Wissen um Endlichkeit gegen­seitig: Jedes Spiel ist ein Spiel ums große »Aus«.

Die kulturkritische Großmetapher von der »Tödlichkeit« moderner Technik bedient sich metapho­risch aus diesem Fundus: Nicht wenigen Technikphilosophien zufolge leben wir in der Epoche einer gleichsam endgültigen, heimtückisch gewordenen Technik. Ein paradoxer Prometheus wäre hier Bürger, Technikkonsument, Nutznießer, mehr aber Sklave und Opfer einer »Apokalypse ohne Reich« (Günter Anders) oder einer »Thanatokratie« (Michel Serres). Ganz besonders mag sich das im Feld der sogenannten Biotechniken zeigen. Sie bewirtschaften »Leben« ‒ und einen zunehmend in technogene Zwischenzustände hinein sich auflösenden Tod.

Das Jahrbuch Technikphilosophie 2016 geht Problemen neuer Kriegstechnologien ebenso nach wie den skizzierten generalisierenden Kulturdiagnostiken: Tödlichkeit und auch List(igkeit) als Zuschrei­bungen, die das Technische schlechthin – wie auch epochentypisch ‒ fassen. Die Technisierung der Grenze von Tod und Leben rücken wir hier bewusst hinzu, sie trägt sich in beide Register ein. Anders gesagt: Im Schwerpunkt werden ganz heterogene Bereiche der Philosophie durchquert: von der praktischen (»List«/»Lüge«, »Sterben«, »Technikethik«) bis zur theoretischen (»List«/»Spiel«), von der existentiellen (»Tod«) bis zur politischen (»Waffe«, »Biopolitik«) und zur Epistemologie (des Technischen, von Kulturkrise/Modernekritik, von »Leben«/»Tod«).

Was die Leser erwartet, sind jeweils nicht direkte Verbindungen zwischen drei Punkten, sondern Versuche einer Triangulation der Extreme.

Hinweis: Einreichungen müssen in anonymisierter Form bis zum 15. Januar 2015 der Redaktion vorliegen und sollten nicht mehr als 33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Bibliographie und Anmerkungen) umfassen und ein max. 700 Zeichen langes Abstract enthalten. Alle persönlichen Angaben dürfen auf Grund des Review-Verfahrens ausschließlich auf dem Deckblatt vermerkt werden. Detaillierte Informationen zur formalen Textgestaltung erfragen Sie bitte per Mail bei der Redaktion:

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